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Anderes Narrativ über Max Kruse : Mehr als ein schlampiges Genie

Max Kruse bekam nichts geschenkt, musste für sein Ziel, Profifußballer zu werden, viel opfern. Das zeigt ein neues Buch über seine Karriere.

Anderes Narrativ über Max Kruse : Mehr als ein schlampiges Genie

Max Kruse hätte ein großer Starkicker sein können — wenn er denn gewollt hätte.Foto: IMAGO/regios24

Skepsis ist geboten, wenn eine Biografie über einen Fußballer erscheint, der immer noch aktiv ist. Vielmehr noch dann, wenn dieser Spieler bislang nichts Nennenswertes gewonnen hat. Keine Weltmeisterschaft, keine Europameisterschaft, ja nicht einmal eine Meisterschaft. Aber was soll’s, die Geschichten, die der derzeit für den VfL Wolfsburg spielende Max Kruse schon geschrieben hat, sind allemal spannender als die sämtlicher deutscher Starkicker.

Und die Hauptgeschichte ist ohnehin die, dass Kruse ein großer Starkicker hätte sein können – wenn er denn ein bisschen mehr gewollt hätte.

Aufgeschrieben hat die Biografie der Journalist David Joram. Der 32-Jährige hat den Karriereweg von Kruse detailliert nachgezeichnet und mit allen erdenklichen Wegbegleitern gesprochen, mit seinem Vater Frank, mit etlichen Mitspielern, mit seinen Beratern, sogar mit einem Pokerprofi. Denn auch das ist die Geschichte von Max Kruse, die des Spielers neben dem Platz. Kruse liebt das Pokern, reist gerne an die großen, teuren Tische nach Las Vegas – und gewinnt nicht selten.

Fast mehr noch denn als Fußballer machte er hierzulande auf sich aufmerksam, als er nachts in Berlin 2015 einen Rucksack mit 75.000 Euro Bargeld in einem Taxi liegenließ. Das Geld, teils Gewinne aus dem Kasino, tauchte nie wieder auf. Kruse haftete endgültig das Image des Skandalprofis an. Beim Deutschen Fußball-Bund um den damaligen Bundestrainer Joachim Löw war Kruse schon zuvor durchgefallen.

Kruse hatte zum einen nicht die gängigen Raster durchlaufen, die der DFB für seine Elitekicker vorsieht. Lange spielte er beim Amateurklub SC Vier- und Marschlande nahe Hamburg, erst mit 18 Jahren wechselte er zu einem Profiklub, zum SV Werder Bremen.

Kruse trinkt bis heute keinen Schluck Alkohol

Außerdem erfüllte Kruse auch rein fußballerisch nicht alle DFB-Vorgaben. Bei diesen stehen Athletik und taktische Disziplin an oberster Stelle. Kruse aber, von Mitspielern ob seiner Vorliebe für Schokoladencreme „Nutella-Kruse“ genannt, hatte meist ein paar Kilogramm zu viel auf den Rippen.

Es macht die Biografie lesenswert, dass sie sich nicht zu sehr auf das Narrativ des schlampigen Genies konzentriert. Es wird deutlich, dass auch Kruse nichts geschenkt bekommen hat, er für sein Ziel Profifußballer viel opfern musste. So trinkt der 34-Jährige bis heute keinen Schluck Alkohol. Sein Vater Frank hatte ihm früh eingetrichtert, dass man ohne Fleiß nichts erreicht.

Anderes Narrativ über Max Kruse : Mehr als ein schlampiges Genie

David Joram: Max Kruse. Zocker, Werkstatt-Verlag, 206 Seiten, 19,90 Euro.Foto: promo

Doch genauso klar wird, dass Kruses Länderspielkarriere nicht schon nach 14 Spielen hätte vorbei sein müssen. Kruse war (und ist) der im Fachjargon vielzitierte Unterschiedsspieler, einer, der aus dem engen taktischen Korsett auf dem Platz ausbrechen kann. Weil er – das berichten Mitspieler wie Trainer – mit einer überragenden Spielintelligenz ausgestattet ist, Situationen schneller erkennt als andere.

Arnd Zeigler, Journalist und Stadionsprecher beim SV Werder, schwelgt in Jorams „Zocker“ in schönen Erinnerungen an den einstigen Starkicker von Bremen: „Wer Fußballromantiker ist, muss ihn mögen. Wenn er den Ball hatte, wusstest du: Jetzt kann alles passieren.“

Max Kruse: Zocker. Von David Joram. Werkstatt-Verlag. 206 Seiten.

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