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Annalena Baerbocks starke Rede in Weimar : Goethe macht Mut

Der Winter wird lang: Die grüne Außenministerin zu Gast beim Goethe-Institut

Annalena Baerbocks starke Rede in Weimar : Goethe macht Mut

Heimspiel in Weimar. Annalena Baerbock beim Goethe-Institut zu Gast.Foto: IMAGO

Auswärtige Kulturpolitik hat es im Inland schwer. Da wird sie, was in der Natur der Sache liegt, kaum wahrgenommen. Es ist dann schon bemerkenswert, wenn die Außenministerin zur Verleihung der Goethe-Medaillen nach Weimar kommt, in Zeiten brutal schwieriger Diplomatie.
Ihre Amtsvorgänger hat man bei der Gelegenheit dort nie gesehen. Frank-Walter Steinmeier allerdings war für das Goethe-Institut ein engagierter Partner, was man von Joschka Fischer nicht sagen konnte. Kultur galt ihm nicht viel – das sieht bei der ersten Frau an der Spitze des Auswärtigen Amts anders aus.

Der Wert eines Gedichts — im Krieg

Annalena Baerbocks Auftritt in der Dichterstadt zeigt Entschlossenheit und Empathie. Die Medaillen, offizielle Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland, werden am 28. August, Goethes Geburtstag, verliehen. Doch die grüne Politikerin zitiert nicht den in Weimar Allgegenwärtigen und Wohlfeilen, sondern den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan, der in Charkiw lebt, nahe an der Front.
Die Millionenstadt wird vom russischen Militär permanent beschossen. Putins Aggression zielt auch dort auf Wohngebäude, historische Bausubstanz, zivile Einrichtungen. „Putin führt Krieg gegen die Menschen und die Identität der Ukraine“, sagt Baerbock. Und lässt Serhij Zhadan sprechen, der im Herbst mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird: „Der Wert eines Gedichts steigt im Winter.“ Ein stille und große Metapher. Sie beschreibt Existenzielles: Kultur als Überlebensmittel.

Die Menschenwürde steht auf dem Spiel

„Kultur ist eine Erneuerungskraft“: Annalena Baerbocks Rede wirkt programmatisch. Dafür hat sie Weimar gewählt und die Zeremonie, bei der in diesem Jahr – erstmals wieder auch live nach der Pandemie – Persönlichkeiten aus Indien, Ägypten und Südafrika für ihre Verdienste um den internationalen Kulturaustausch ausgezeichnet werden. „Außenpolitik findet nicht nur in Außenministerien statt“, konstatiert die Außenministerin, sondern auch dort, wo man voneinander lerne, sich gegenseitig bereichere, in Theatern zum Beispiel. Denn an vielen Orten der Welt wird die Freiheit der Kunst angegriffen, stehen Menschenwürde und Demokratie auf dem Spiel.

Unterstützung für die Ukraine

Große Worte spricht sie aus, keineswegs gelassen. Annalena Baerbock hat am Wochenende der Ukraine langjährige Unterstützung und Waffenlieferungen zugesagt. Dazu passt ein weiteres Zhadan-Zitat, das sie ans Ende setzt: „Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel.“ Damit kündigt sich ein langer Winter an, wohl auch ein langer Krieg. Und materielle Entbehrungen für viele Menschen hierzulande werden nicht zu vermeiden sein.

Endlich auch werden Frauen geehrt

„Kultur schützt Gesellschaften davor, statisch zu werden.“ Es sind gewaltige Ausgaben, mit denen Annalena Baerbock Künstlerinnen und Künstler betraut und in Verbindung bringt. Aber dahin geht die Kunst jetzt selbst – in die Aktion, ins Politische.
Das lässt sich gut an der Vergabepraxis der Goethe-Medaillen erkennen. Seit 1955 wird das Goldstück mit Goethes Kopf verliehen.

Carola Lentz, seit Ende 2020 Präsidentin des Goethe-Instituts, kann frappierende Daten vorweisen:
„Unter den 256 Preisträgern bis 1989 gab es nur acht Frauen, das sind gerade einmal drei Prozent. In den folgenden Jahren stieg der Anteil zwar nur langsam, aber doch kontinuierlich, bis heute auf immerhin ein Drittel der Preisträger.“
Nicht nur das Geschlecht, auch die Herkunft der Preisträger ist signifikant für die Veränderungen, wie Lentz ausführt: „Aus dem Globalen Süden kamen in den ersten fünfzig Jahren nur insgesamt gut zwanzig Preisträger, gerade einmal sechs Prozent.“ Die Medaille ging fast nur an Männer: Auslandsgermanisten oder Kulturpolitiker oder Verleger aus Westeuropa und aus den USA, Japan und Australien. Über die Hälfte der Preisträger kam aus Deutschland und Europa. Erst 1996 ehrte man einen Schwarzen Preisträger aus Afrika – für seine Verdienste um die deutsche Sprache.

Annalena Baerbocks starke Rede in Weimar : Goethe macht Mut

In Goethes Namen. Annalena Baerbcok begrüßt die Preisträgerin Shiva Patak. Daneben Tali Nates und Mohamed Abla.Foto: IMAGO

Shiva Pathak und Nimi Ravindran arbeiten in Bangalore. 2013 gründeten sie das Sandbox Collective. Die beiden Theatermacherinnen unterstützen Stücke, die in Indien mit seinen harten, homophoben Traditionen sonst kaum eine Chance hätten. Meist es geht es um queere Themen, wie beim „Gender Bender“-Festival. Dafür wurden sie vom Goethe-Institut ausgezeichnet. Beim Kunstfest Weimar lief die Performance „Queen Size“, eine ungewöhnlich sensible, intime Performance mit zwei Männern und einem Bett, von den Sandbox-Frauen produziert.
Bei den Medaillen dreht es sich auch um die Zusammenarbeit der Künstler mit den örtlichen Goethe-Instituten. Kairo ist ein besonderer Ort. Das Institut dort liegt nahe beim Tahrir-Platz, ein intellektueller Treffpunkt in der Riesenstadt, in der Mohamed Abla zuhause ist. Er malt Kairo und seine Menschen mit Leidenschaft – ein weiterer Preisträger in diesem Jahr, wie Tali Nates.

Harte Kürzungen für das Goethe-Institut

Sie ist Kind von Holocaust-Überlenden, die auf der Liste von Oskar Schindler standen. 2019 eröffnete sie das Johannesburg Holocaust & Genocid Center. Der Völkermord in Ruanda ist dort ein großes Thema.
An vielen Orten unterstützt das Goethe Institut mutige Initiativen. Solche Kooperationen gestalten sich oft schwierig unter den gegebenen politischen Verhältnissen.

Sie sind deshalb umso wichtiger. Und in Gefahr: Das Goethe-Institut hat im laufenden Jahr Kürzungen von 24 Millionen Euro hinnehmen und hart streichen müssen. Dazu kommt die Inflation weltweit. 2023 sieht es noch schlimmer aus, auch wenn die Parlamentarier im Bundestag das letzte Wort über eine drohende 10,5-Prozent-Etatkürzung noch nicht gesprochen haben. Annalena Baerbock hat erklärt, worum es geht.

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