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Aus Trester wird Biogas : Billiger Wein, teures Gut

Italiens größter Winzer zeigt, dass sich Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz nicht ausschließen. Aus den gepressten Trauben gewinnt er zehntausende Tonnen an Biokraftstoffen.

Aus Trester wird Biogas : Billiger Wein, teures Gut

Schön grün. Das Unternehmen aus der Region Emilia-Romagna in Norditalien ist zum Vorreiter bei der Produktion nachhaltiger…Foto: Dominik Straub/promo

Der Tavernello gehört, zumindest im Ausland, sicher nicht zu den bekanntesten Weinen Italiens, und schon gar nicht zu den teuersten und erlesensten: Zu kaufen ist er vorwiegend in Supermärkten, wo er meist etwas verschämt in den untersten Regalen der Weinabteilung einsortiert ist. Ein Billig-Wein, abgefüllt nicht in Glasflaschen, sondern in Tetra-Pak-Behältern.

Ein Liter Tavernello kostet nur wenig mehr als heute ein Liter Benzin oder Diesel: zwischen 1,50 und zwei Euro. Es gibt ihn in weiß, rot und rosé; neuerdings ist er auch als „frizzante“ und biologisch erhältlich. Vor allem aber ist er ein Verkaufsschlager: Mit rund 120 Millionen Litern pro Jahr ist er dem US-Fachblatt Wine Spectator zufolge der am viertmeisten verkaufte Wein der Welt – in Italien ist er die Nummer eins, zumindest was die Menge anbelangt.

Produziert wird der Tavernello von der im Jahr 1966 gegründeten Genossenschaftskellerei Caviro in Faenza, dem größten Weinproduzenten Italiens. Dem Unternehmen sind 27 Weingenossenschaften in sieben Regionen mit insgesamt 12 400 Winzern angeschlossen, die einen Teil oder ihre ganze Produktion von Weintrauben und Most an die Caviro liefern.

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Insgesamt verarbeitete Caviro im vergangenen Jahr 615 000 Tonnen Weintrauben. Auf den Tavernello entfällt nur etwas mehr als die Hälfte des von Caviro produzierten Weins; im Lauf der Jahre hat das Unternehmen mehrere kleinere und größere Kellereien aufgekauft, die zum Teil auch preisgekrönte Spitzenweine wie den Amarone aus dem Valpolicella keltern.

Wo viel Wein produziert wird, fällt auch viel Trester an – und dieser wiederum dient als Basis für das zweite wirtschaftliches Standbein von Caviro: die Produktion von Biokraftstoffen, natürlichem Dünger und anderen Wertstoffen.

Der Wein ist billiger als Diesel

Auf dem riesigen Gelände von Caviro Extra –so lautet der Name des Tochterunternehmens – entsteht gerade die größte Anlage zur Produktion von flüssigem Methan (Liquefied Natural Gas, LNG) Italiens: Die Anlage wird Mitte des nächsten Jahres in Betrieb gehen und jährlich 9000 Tonnen LNG produzieren, die hauptsächlich an Tankstellen für gasbetriebene Lastwagen und Busse geliefert werden sollen. Schon heute produziert Caviro Extra zwölf Millionen Kubikmeter Bio-Methan, das in das Netz eines italienischen Gasverteilers eingespeist wird.

Mit dem in Faenza produzierten Bio-Methan können Autos mit Methan-Antrieb 200 Millionen Kilometer zurücklegen – klimaneutral. Das ist aber noch nicht alles: Neben dem Biogas produziert Caviro aus dem Trester in mehreren riesigen Destillieranlagen jedes Jahr 90 Millionen Liter reinen Alkohol, wovon ein Teil als Bio-Ethanol verkauft wird — ebenfalls ein CO2-neutraler Treibstoff.

Der Rest der Produktion geht in die Nahrungsmittelindustrie, in die Chemie oder er findet Verwendung als Desinfektionsmittel. Als zu Beginn der Pandemie im März 2020 in Italien die Desinfektionsmittel knapp wurden, stellte man die Produktion zugunsten des Desinfektionsalkohols um und verdreifachte die Produktion in kurzer Zeit.

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„Eigentlich war Caviro zunächst als Schnapsbrennerei, als Dienstleistungsbetrieb für die lokalen Winzer und Kellereien der Region entstanden“, sagt Alessandro Nespeca, Chefingenieur der Abteilung Biokraftstoffe bei Caviro Extra. Man habe den Weinbauern den Trester abgenommen und daraus Grappa und anderen Alkohol gewonnen.

Mit der Produktion des Tavernello habe man erst 1983 begonnen. Mit der Zeit sei die Verwertung des Tresters immer moderner und das Sortiment der daraus gewonnenen Produkte immer breiter geworden. Die jüngste Innovation in Faenza ist eine Anlage, mit der das bei der Produktion von Biogas entstehende CO2 herausgefiltert und durch Kälte verflüssigt wird. „Das CO2 verkaufen wir an Getränkehersteller, die es als Kohlensäure verwenden, oder es wird in Druckflaschen abgefüllt, die beim Schweißen benötigt werden“, sagt Nespeca.

Längst verarbeitet die Caviro-Gruppe in Faenza nicht mehr nur die ausgepressten Trauben, sondern auch andere Grün- und Landwirtschaftsabfälle: Im vergangenen Jahr waren es 555000 Tonnen, davon rund ein Viertel Trester. „Es fehlt mir schwer, dieses Material als ,rifiuti’, als ,Abfall’ zu bezeichnen“, betont Nespeca und blickt dabei auf die mehrere Meter hohen Halden von frischem Trester, die nach der eben abgeschlossenen diesjährigen Weinernte und Weinproduktion auf dem Fabrikareal auf ihre Verwertung warten. „Für uns sind diese vermeintlichen Abfälle wertvoller Rohstoff.“

Der Abfall dient auch der Stromerzeugung

Von den angelieferten hunderttausenden Tonnen Grünabfall bleiben nur 3900 Tonnen Asche übrig (das entspricht 0,7 Prozent), die schließlich noch entsorgt werden müssen. „Wir halten uns an das Motto unserer Großmütter, die uns eingetrichtert haben, dass man, wenn man ein Schwein schlachtet, alles essen muss“, sagt Nespeca. Das gelte genauso für die Grünabfälle.

Bei der Verarbeitung entstehen nicht nur Biotreibstoffe, Dünger und andere Wertstoffe, sondern auch Wärme, die zum Teil auch zur Erzeugung von Strom verwendet wird: Die Caviro-Gruppe produziert die gesamte Energie, die sie verbraucht, in ihren eigenen Anlagen. Für die Mitarbeiter wurden auf den Parkplätzen Ladestationen installiert, wo sie ihre Elektro-Autos gratis aufladen können.

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Nächstes Jahr sollen außerdem zahlreiche Gebäude in der Nähe des Fabrikareals mit Fernwärme versorgt werden. „Wenn wir alles zusammenzählen, was wir an erneuerbaren Treibstoffen wie Bio-Methan und Bio-Ethanol sowie an Wärme und Elektrizität produzieren, kommen wir auf eine Energiemenge, die 300 000 Barrel Erdöl pro Jahr entsprechen“, betont Nespeca.

Der einstige Schnapsbrenner in der Region Emilia-Romagna, der in den letzten vierzig Jahren zuerst zum größten Weinproduzenten Italiens und dann zum Pionier bei der Produktion nachhaltiger Energieträger geworden ist, steht auch für ein gutes Beispiel, dass sich ökologisches Wirtschaften und Klimaschutz auszahlen kann: Rund ein Drittel des Gesamtumsatzes von 362 Millionen Euro (2020) der Caviro-Gruppe und 170 der insgesamt 567 Arbeitsplätze entfallen auf Caviro Extra; der Reingewinn der Öko-Tochter betrug trotz hoher Investitionen in immer ausgeklügeltere Wiederverwertungstechniken 3,7 Millionen Euro.

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