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Benedict Wells, Helga Schubert, Juli Zeh : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Einmal monatlich bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: die Rubrik Belletristik.

Benedict Wells, Helga Schubert, Juli Zeh : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

10.) Carsten Henn: Der Buchspazierer (Pendo, 224 S., 14 €)

Selten eine so völlig aus der Zeit gefallene Grusel-Prosa gelesen wie diese Geschichte um einen Buchhändler-Opi, der für jedes geschundene Seelchen den richtigen Schmöker auf Lager hat. Ein Roman wie ein mit den Mitteln von „Jurassic Park“ zum Leben erwecktes Fossil aus der Adenauer-Ära.

9.) Leïla Slimani: Das Land der anderen (Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand, 384 S., 22 €).

Ebenfalls konventionell, aber weniger bräsig und vor allem nie stereotyp erzählt Leïla Slimani von der Elsässerin Mathilde und dem Marokkaner Amine. Beide haben sich im Zweiten Weltkrieg kennen und lieben gelernt, nun holt sie der Alltag zwischen islamischer Archaik und Moderne auf dem ererbten Bauernhof in Marokko ein. Überraschungslos, aber annehmbar.

8.) Susanne Abel: Stay Away From Gretchen (dtv, 528 Seiten, 20 €.)

Zum dritten Mal eine konventionell erzählte Geschichte, aber eine, die durch Empathie und Beobachtungsschärfe überzeugt. Die Aufforderung „Stay away from Gretchen“ wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs US-amerikanischen Besatzungssoldaten als Fraternisierungsverbot eingeschärft. Susanne Abel erzählt von einem deutschen Nachrichtensprecher, dessen von Demenz bedrohter Mutter Greta – und den Folgen derer Liebe zu dem schwarzen Panzersoldaten Robert Cooper.

7.) Benedict Wells: Hard Land (Diogenes, 352 Seiten, 24 €.)

Gut geschrieben hat Benedict Wells schon immer, aber diesmal legt er noch ein Schippchen drauf. Die Magie seiner Coming-of-Age-Geschichte ist schlicht unwiderstehlich: Ein 16-jähriger Außenseiter erlebt in der amerikanischen Provinz zum ersten Mal Freundschaft, Liebe und echten Schmerz, ist mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. „Euphancholie“ ist denn auch der Neologismus, der die Stimmung dieses Romans am treffendsten beschreibt.

6.) Ewald Arenz: Der große Sommer (DuMont, 320 Seiten, 20 €.)

Auch Ewald Arenz erzählt in „Der große Sommer“ von der ersten Liebe und den Häutungen der Pubertät, geht in seinem Roman dafür aber noch ein paar Jahre weiter in die Vergangenheit zurück als Benedict Wells und bleibt in der Bundesrepublik. Weil ihm Dialogsätze gelingen wie: „Jedenfalls gibt es das nur in der Liebe, dass du dich quälst bis zur Verzweiflung und gleichzeitig glücklich bist“, ist das ein ebenso unterhaltsames wie weises Buch.

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5.) Judith Hermann: Daheim (S. Fischer, 192 Seiten, 21 €)

Judith Hermanns „Daheim“ ist ein komplexer Roman, und eigentlich ist es nicht fair, ihn auf eine Liebesgeschichte zu reduzieren. Aber: „Daheim“ ist nun mal die stärkste Liebesgeschichte, die ich seit langem gelesen habe. Im Zentrum: eine Frau, die verheiratet war, ihre Tochter ist inzwischen erwachsen, und gerade hat sich diese Frau von ihrem Mann getrennt und ist von Berlin raus ans Meer gezogen, wo ihr Bruder eine Kneipe betreibt.

Dort fängt sie ausgerechnet eine Affäre mit einem Schweinebauern an. Können Sie sich etwas Unattraktiveres vorstellen als so einen Mann, der tausend Schweine zur Quälfleischerzeugung hält? Und doch schafft es Hermann, diese Liebesgeschichte atmosphärisch dicht, spannend und doppelbödig zu entfalten. Judith Herrmann erzählt in ihrem Roman von verpassten Möglichkeiten, von nicht beschrittenen Wegen. Vom Klimawandel und den Wüsteneien in unseren Herzen.

4.) Helga Schubert: Vom Aufstehen (dtv, 224 Seiten, 22 €.)

Wie behält man in einem „Zwergenstaat“ namens DDR, der seine Untertanen einmauert, einen Anflug von Würde? Darüber, von Kraft der Wut, der Gefahr des Pathos und der Macht der Wahrheit erzählt Helga Schubert in diesem besonderen Erzählungsband. Und wir alle, die wir uns an unseren Vätern oder Müttern abarbeiten, dürfen uns darüber amüsieren, wie stark im Buch einer über 80-jährigen Autorin deren Mutter präsent ist, die im Alter von 101 Jahren starb.

3.) Donna Leon: Flüchtiges Begehren (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes, 320 Seiten, 24 €.)

Wenige Autoren schreiben so tiefenentspannt wie Donna Leon heute. Vielleicht liegt es daran, dass Commissario Brunettis 30. Fall – es geht um Menschenschmuggel und zwei junge Touristinnen, die bei einem nächtlichen Ausflug in die Lagune verletzt werden – einerseits entwaffnet in seiner gewohnten Harmlosigkeit, andererseits beeindruckt durch die Lässigkeit, mit der Leon die ganz großen Themen anschneidet: Wo endet Verantwortung? Was ist Schuld? Wie kann man sich entsühnen?

2. ) Juli Zeh: Über Menschen (Luchterhand, 416 Seiten, 22 €.)

Eine Berliner Werberin, aufgeklärt, Fahrradfahrerin und Grünen-Wählerin sowieso, lernt in Brandenburg das abgehängte Prekariat in Gestalt ihres hilfreichen Nachbarns kennen, eines selbsterklärten „Dorfnazis“. Und damit beginnt das große Vergnügen dieses Romans, der die Lebenslügen der Bundesrepublik scharf in den Fokus rückt. Die Rezeption dieses Romans scheint mir sehr stark durch ideologische Scheuklappen bestimmt. Ein Versuch zur Einigung: Lange nicht mehr so gelacht?

1.) Lucinda Riley: Die verschwundene Schwester (Deutsch von Karin Dufner, Sonja Hauser, Sibylle Schmidt und Ursula Wulfskamp. Goldmann. 829 S., 22 €.)

Die Autorin (dieser Schund-Saga) dieser Buchreihe ist vor wenigen Wochen gestorben. (Leider) Zum Glück konnte sie ihren (elend dämlichen) originellen Romanzyklus um sieben Schwestern, die nach dem Ableben ihres Adoptivvaters ihre Herkunft zu klären versuchen, noch abschließen. (Unterirdischer Schrott, dumm, banal, reaktionär – jedes Wort über diese literarische Zumutung wäre Verschwendung.) Über Tote bekanntlich nur Gutes.

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