The latest news, top headlines

Der Klassenerhalt muss noch warten : Hertha BSC und die Lust am Drama

Hertha BSC hatte den Klassenerhalt gegen Mainz in eigener Hand. Jetzt hoffen die Berliner, dass die Bayern die Angelegenheit für sie erledigen.

Der Klassenerhalt muss noch warten : Hertha BSC und die Lust am Drama

Frust, komm raus! Hertha BSC und Davie Selke hatten am Samstag, bei der Niederlage gegen Mainz, viele Gründe zum Ärgern.Foto: IMAGO/Andreas Gora

Wie viele normale Menschen, so hat auch Hertha BSC die Corona-Pandemie dazu genutzt, das eigene Zuhause ein wenig aufzuhübschen. Im Kabinengang des Olympiastadions zieren jetzt Fotowände den Weg zum Spielfeld, und unmittelbar vor dem Aufgang in den Innenraum sind auf zwei Fernsehmonitoren wichtige Tore aus der jüngeren Vergangenheit in Dauerschleife zu sehen.

Da erzielt Kapitän Dedryck Boyata im Kampf gegen den Abstieg ein wichtiges Tor gegen den FC Schalke. Davie Selke trifft gegen Leipzig, Krzysztof Piatek beim Sieg gegen den 1. FC Union und Suat Serdar auf spektakuläre Weise gegen den FC Liverpool

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Der Samstagabend und das Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 wären für den aktuellen Hertha-Jahrgang eine gute Gelegenheit gewesen, ebenfalls Geschichte zu schreiben. Aber abgesehen von einem Elfmeter, den Davie Selke zum zwischenzeitlichen 1:1 für seine Mannschaft verwandelte, gab es gegen Mainz für Hertha nichts zu feiern.

Mit einem Sieg hätten die Berliner den Klassenerhalt perfekt gemacht. Statt dessen kassierten sie eine 1:2 (1:1)-Niederlage. „Das ist Fußball. Man kann sich das nicht aussuchen“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng. „Es ist genauso gelaufen, wie wir es nicht wollten.“

Und es ist genauso verlaufen, wie es viele erwartet hatten. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Dass Hertha einen Hang zu dramatischen Wendungen hat, das war schon in der Woche zuvor zu sehen, als die Mannschaft gegen Arminia Bielefeld 1:0 führte, kurz vor Schluss die Riesenchance zum 2:0 verdaddelte – und in der Nachspielzeit noch den Ausgleich kassierte.

Am letzten Spieltag muss Hertha nach Dortmund

Und trotzdem: Verglichen mit der Situation vor drei Wochen, als die Stimmung nach dem verlorenen Derby komplett im Keller war, stehen die Berliner sogar noch vergleichsweise gut da. Erstens haben sie weiterhin alles in der eigenen Hand. Und zweitens haben sie ja auch noch die Bayern, die die Angelegenheit schon am Sonntagabend für Hertha regeln können. Mit einem Sieg gegen den VfB Stuttgart nämlich. Andernfalls bleibt der letzte Spieltag, an dem Hertha beim Vizemeister Borussia Dortmund antritt und die Stuttgarter den 1. FC Köln empfangen.

„Wir haben viel Aufwand betrieben, um überhaupt in diese Situation zu kommen“, sagte Davie Selke, der in der Nachspielzeit mit der überwiegenden Mehrheit der 71.548 Zuschauer sogar für einen kurzen Moment über den vermeintlichen Ausgleich gegen die Mainzer gejubelt hatte. Doch der Treffer zählte nicht, weil Selke etwas zu offensichtlich seinen Gegenspieler weggeschubst hatte, der daraufhin etwas zu offensichtlich durch die Luft geflogen war. Das passte irgendwie genauso in die Gesamtsituation wie der Pfostenschuss des gerade eingewechselten U-19-Spielers Luca Wollschläger wenige Augenblicke zuvor.

Es sind vermutlich solche Szenen, die Herthas Trainer Felix Magath in seiner grundsätzlichen Skepsis bestätigen, die seinen Pessimismus nähren und ihn weiterhin vom Schlimmsten ausgehen lassen. Magath, der Seher vom Schenckendorffplatz, sprach nach der Niederlage gegen die Mainzer unaufgefordert von der Relegation, und nachdem er explizit dazu befragt worden war, antwortete er: „Als Profi, für den ich mich halte, bereite ich mich auf den schlechtesten Fall vor.“

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Dazu gehört auch, nicht zwingend davon auszugehen, dass Hertha kommenden Samstag mit wehenden Fahnen in Dortmund triumphieren wird. „Keine Ahnung, wie Sie jetzt Fußball beurteilen“, entgegnete Magath auf die Frage, ob er seiner Mannschaft gegen den BVB denn gar nichts zutraue. „Wir spielen gegen den Tabellenzweiten, wir sind Tabellenfünfzehnter. Ich würde sagen, dass der Tabellenzweite zu Hause gegen den Tabellenfünfzehnten mehr Spiele gewinnt als verliert.“

Man mag diese Skepsis für übertrieben halten, für ein wenig affektiert gar. Andererseits: Wenn jemand Spaß an dramatischen Wendungen hat, dann ja wohl Hertha BSC. Am Samstag war alles bereitet für ein versöhnliches Ende einer wieder einmal viel zu turbulenten Saison. Die Niederlage der Bielefelder am Abend zuvor hatte die Situation sogar noch weiter entspannt. Direkt absteigen kann Hertha nicht mehr. „Ich war zuversichtlich, dass wir aufgrund der besseren, der nicht so druckvollen Situation ein besseres Spiel machen“, sagte Magath.

Hertha wirkte gehemmt, nicht beflügelt

Doch seine Mannschaft wirkte gegen die Mainzer nicht etwa beflügelt von der Aussicht auf die Rettung, sondern eher gehemmt. „Wir waren nicht im Spiel, nicht frisch im Kopf“, fand Boateng. „Es hat viel von dem gefehlt, was uns in den vergangenen Wochen ausgezeichnet hat: die Spritzigkeit, die Ruhe am Ball, die Cleverness.“

Nach gutem Beginn mit viel Eifer ließ Hertha den Gegner dann doch recht unbehelligt ins Spiel finden. „Wir haben uns immer passiver verhalten und die Mainzer das Spiel machen lassen“, klagte Magath. „Die Mannschaft hat den Einsatz irgendwie zurückgefahren, hat mehr versucht zu spielen. Aber so weit sind wir halt noch nicht. Insofern haben wir das verkehrte Mittel gewählt.“

Welche Konsequenzen er aus der Erkenntnis ziehe, dass die Mannschaft mit dem geringeren Druck nicht klargekommen sei, ist Felix Magath am Samstagabend noch gefragt worden. „Dass sie mehr Druck braucht“, antwortete er.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.