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Der Regisseur als Schriftsteller : Chiffren am Horizont

Auf den Spuren von Hiroo Onoda: Werner Herzog begibt sich in den philippinischen Dschungel.

Der Regisseur als Schriftsteller : Chiffren am Horizont

Japanischer Volksheld. Der 90-jährige Hiroo Onoda 2012, zwei Jahre vor seinem Tod, auf seiner Farm im brasilianischen Bundesstaat…Foto: imago/Kyodo News

Unter den verkannten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur ist Werner Herzog der ungewöhnlichste. Mit trotzig bayerischem Selbstbewusstsein hat er sogar selbst zu Protokoll gegeben, dass seine wahre Stimme auf dem Papier womöglich besser zur Geltung komme als auf der Leinwand. Insbesondere die düster-poetischen Aufzeichnungen „Eroberung des Nutzlosen“, 1979 während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ im südamerikanischen Dschungel entstanden, seien, so Herzog, besser geeignet, den künftigen Nachruhm zu befördern als sein kinematografisches Werk.

Die Sache ist nur, dass der 1942 geborene Regisseur auf fast so viele, teils weltberühmte Filme wie Lebensjahre zurückschauen kann, im Verhältnis dazu aber verschwindend wenig geschrieben hat.

Die schmale Erzählung „Das Dämmern der Welt“ ist seit „Vom Gehen im Eis“ (1975) erst sein drittes Buch. Dazu gibt es eine Handvoll Gedichte, die „Filmerzählungen“ zu „Stroszek“, „Nosferatu“ und „Cobra Verde“, eine Reihe von Artikeln und natürlich „A Guide for the Perplexed“ (2014): Gespräche mit Paul Cronin, die in jede Herzog-Bibliothek gehören, weil sie seine Auffassung von „ekstatischer Wahrheit“ ausführlich darstellen. Für einen Platz in der literarischen Walhalla reicht das nicht – auch wenn man behaupten könnte, dass er schon mit seinem Prosadebüt, dem Bericht über einen winterlichen Fußmarsch von München nach Paris, unsterblich geworden ist.

[Werner Herzog: Das Dämmern der Welt. Hanser Verlag, München 2021. 127 Seiten, 19 €.]

Wie er den Opfergang beschreibt, mit dem er das Leben der todkranken Filmhistorikerin Lotte Eisner retten will, die er am Ziel tatsächlich halbwegs genesen antrifft, hat in seiner Verbindung von rhythmischer Präzision, Naturbeobachtung und visionärer Eingebung die Magie eines Wolfgang Koeppen.

Apokalypse im Schwarzwald

Im tiefsten Schwarzwald, am Rande eines Steinbruchs, in dem ein Bagger und ein verrostender Lastwagen von einem Petroleumfeuers beleuchtet werden, packt ihn auf einmal eine apokalyptische Ahnung: „Die Vorankündigung vom Weltzusammenbruch glüht am Himmel und glimmt. Eine Eisenbahn jagt durchs Land und geht durch die Berge hindurch. Die Räder glühen. Ein Waggon gerät in Brand. Der Zug hält, man versucht zu löschen, aber der Waggon ist nicht mehr zu löschen.“

Und so fährt der Zug „ins finstere Weltall hinaus, geradewegs. Im Tiefschwarz des Universums glühen die Räder und glüht der eine Waggon. Unvorstellbare Sternenzusammenbrüche finden statt, ganze Welten stürzen in sich zusammen, auf einen einzigen Punkt.“

Der philippinische Urwald, in den sich Herzog nun mit „Das Dämmern der Welt“ begibt, ist von diesem Schwarzwald höchstens einen Katzensprung entfernt. Auch Lubang, die Pazifikinsel, auf der sein Held, der japanische Nachrichtenoffizier Hiroo Onoda fast 30 Jahre über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus ausharrte, um sich gegen einen nicht mehr existierenden Feind zu verteidigen, ist real und irreal zugleich.

Herzog durchstreift sie mit seinem historisch verbürgten, längst zu einem modernen Mythos gewordenen Avatar. Während er sich zunächst als Ich-Erzähler in den Dschungel hineindenkt, wo er Onoda hinter einer Blättertarnung auszumachen glaubt, verschmilzt er zusehends mit ihm.

Hellwaches Präsens

In hellwachem Präsens setzt er aus kurzen Szenen eine Welt auf der Grenze von Wachen und Schlafen zusammen, die ihre eigene Zeit „außerhalb der Geschichte“ hat. Onoda konstruiert sich eine Wirklichkeit voller verrutschter Koordinaten, die er, Spuren, Fährten und Fingerzeige immer wieder auf seine Weise interpretierend, bis zu einem gewissen Grad sogar kontrolliert. Die Bauern der Insel, die von seinem irrlichterndem Geist (und anfangs: seinen beiden Kombattanten) wissen, ihn aber so wenig dingfest machen können wie die Polizei, lehrt er mit schwindenden Munitionsvorräten Tod und Schrecken.

Der Regisseur als Schriftsteller : Chiffren am Horizont

Kapitulation nach 29 Jahren. Hiroo Onoda nach seiner Ankunnft in Tokio 1974.Foto: imago/ZUMA/Keystone

Herzog verbindet wieder einmal ein zutiefst romantisches Lebensgefühl, das in allen Dingen Chiffren für etwas Höheres erkennt, mit einem ins Metaphysische gewendeten Radikaldarwinismus, dessen ehernem Gesetz der Mensch, so sehr er sich dagegen auflehnen mag, stets unterliegt. Dies ist das „Wesentliche“, das in Onoda, dem populärsten aller japanischen Holdouts, eine absurde Projektionsfigur gefunden hat, jene ekstatische Wahrheit, für die er jeden fiktionalen Preis zu zahlen bereit ist, wenn er erklärt: „Viele Details stimmen, viele nicht.“ Dabei kennt man Herzogs Lust am Erfinden gerade aus den sogenannten Dokumentarfilmen. Neben einer Autobiografie, die Onoda nach seiner Rückkehr verfasste, gibt es vor allem zahlreiche japanische Quellen.

Mit einem Flackern fängt es an: „Die Nacht wälzt sich in Fieberträumen, und schon beim Erwachen, wie ein kaltes Frösteln, ist die Landschaft ein zum Tag verwandelter, statisch knisternder Traum, der nicht vergehen will, zuckend wie schlecht verkabelte Neonröhren zucken.“ Dieser Ton verliert sich allerdings immer wieder, was angesichts von Onodas aus nächster Alltagsnähe imaginiertem Überlebenskampf mit Kälte, Nässe und Verfolgung atmosphärisch nachvollziehbare Gründe hat.

Konkurrenz im Kino

Die unterschiedliche Dichte dieser Seiten, die auch lange Dialogpassagen enthalten, könnte aber auch damit zu tun haben, dass „Das Dämmern der Welt“ aus einem Drehbuchentwurf hervorgegangen ist. Der französische Regisseur Arthur Harari hat Herzog mit der jüngst in Cannes uraufgeführten internationalen Koproduktion „Onoda – 10000 Nights in the Jungle“ jedenfalls die Möglichkeit genommen, den Stoff ins Kino zu bringen.

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Selbst wenn diese Erzählung ein gründlich nachbearbeitetes Abfallprodukt wäre, verstrahlt sie einen genuin literarischen Zauber. Die Enttäuschung über Herzogs kraftlose letzte Spielfilme „Königin der Wüste“, „Salt and Fire“ oder die pseudodokumentarische, in Tokio angesiedelte „Family Romance, LLC“ wiegt sie allemal auf.

Um einen Ratschlag für angehende Filmregisseure gebeten, erklärte Werner Herzog Paul Cronin einmal: „Read, read, read, read, read, read, read, read, read… read, read… read.“ Denn: „Wenn du nicht liest, wirst du nie ein Filmemacher werden.“

Für seine Rogue Film School, einen ambulanten Workshop, den er von Zeit zu Zeit in seiner Wahlheimat Los Angeles abhält, erstellte er sogar eine Leseliste mit Vergil, Hemingway und J.A. Baker. Man könnte Herzog selbst inzwischen wohl nichts Besseres empfehlen als: Schreib, schreib, schreib, schreib, schreib, schreib. Alle seine Bewunderer würden es ihm danken.

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