The latest news, top headlines

Journalist und Experte Opfer eines Verbrechens? : Lost in Amazonien

Der britische Korrespondent Dom Phillips und der Indigenen-Experte Bruno Pereira sind verschwunden.

Journalist und Experte Opfer eines Verbrechens? : Lost in Amazonien

Aufschreiben, was ist. Reporter Dom Phillips (Mitte) spricht mit zwei indigenen Männern über ihre Situation. Das Foto entstand…Foto: AFP

Das letzte Lebenszeichen der beiden Männer stammt aus einer der abgelegensten und auch gefährlichsten Ecken Brasiliens. Vergangenen Sonntag waren der britische Journalist Dom Phillips und der Indigenen-Experte Bruno Pereira mit einem Boot auf dem Fluss Ituí im nordwestlichen Amazonasgebiet unterwegs. Er liegt im Dreiländereck zwischen Brasilien, Peru und Kolumbien, wo der Dschungel besonders dicht und der Staat weit weg ist.

[Der tägliche Nachrichtenüberblick aus der Hauptstadt: Schon rund 57.000 Leser:innen informieren sich zweimal täglich mit unseren kompakten überregionalen Newslettern. Melden Sie sich jetzt kostenlos hier an.]

Frühmorgens waren die beiden in dem Indigenen-Reservat Vale do Javari aufgebrochen und hatten in dem Weiler São Rafael haltgemacht. Zwei bis drei Stunden später wollten sie flussabwärts in dem Städtchen Atalaia do Norte eintreffen, hatten sie angekündigt. Aber dort kamen sie nie an. Seit Sonntagnachmittag suchen deswegen indigene Trupps nach den beiden, denen sich die brasilianische Polizei und das Militär angeschlossen haben. Am Dienstagabend präsentierte die Polizei in Atalaia do Norte dann einen Verdächtigen, der mit dem Verschwinden von Phillips und Pereira zu tun haben soll. Nach weiteren Männern werde gesucht. Das Boot des Verdächtigen soll laut Zeugen das Boot von Phillips und Pereira mit hoher Geschwindigkeit verfolgt haben. Die Polizei fand Munition bei ihm und bestätigte, dass er in der Vergangenheit schon indigene Führer bedroht habe. Von Phillips und Pereria fehlt weiterhin jede Spur.

Nicht nur in Brasilien wird nun spekuliert, was geschehen ist, ob Phillips und Pereira etwa Opfer eines Verbrechens von in der Region operierenden Mafias geworden sind, darunter Holzfäller, Goldsucher und Fischer. Pereira hat bereits Morddrohungen von diesen Gruppen erhalten. Durch die isolierte Region verlaufen zudem Schmuggelrouten der Drogenmafia.

Renommierter, internationaler Korrespondent

Der Engländer Dom Phillips, 57, ist einer der renommiertesten internationalen Korrespondenten in Brasilien. Er war 2007 in das Land gekommen und hatte für die „New York Times“, die „Washington Post“ und zuletzt für den britischen „Guardian“ gearbeitet. Besonders am Herzen lag ihm die Amazonasregion. Er recherchierte derzeit für ein Buch über Amazonien und führte Interviews mit brasilianischen Ureinwohnern, in deren Reservate immer häufiger illegale Gruppen eindringen, die die Ressourcen plündern, ohne dass Brasiliens Regierung einschreitet.

Sollte Phillips aber direkt angegriffen oder sogar getötet worden sein, hätte das eine völlig neue Dimension für Brasilien. Obwohl der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro eine extrem aggressive Rhetorik gegen die Presse gebraucht, sind physische Angriffe auf internationale Journalisten in Brasilien bisher nicht bekannt. Phillips’ Verschwinden lässt deswegen die Alarmglocken unter Journalisten in Brasilien läuten.

Experte für indigene Völker

Mit Phillips unterwegs war einer der führenden Experten für indigene Völker. Bruno Pereira arbeitete lange für Brasiliens Indigenenbehörde Funai, ehe er wegen der dramatisch verschlechterten Bedingungen unter Bolsonaro um eine Auszeit bat. Er arbeitete daher direkt mit der Indigenenvereinigung Univaja zusammen, in der sich die Völker des Reservats Vale do Javari zusammengeschlossen haben. Vale do Javari ist das zweitgrößte Indigenenreservat Brasiliens. Dort leben immer noch kleine, von der Zivilisation unberührte Gruppen.

Pereira stellte sich unter anderem illegalen Fischern entgegen, die tonnenweise wertvolle Fische aus den Flüssen des Reservats holen. In einer Drohung dieser Gruppen gegen Pereira und die Ureinwohner hieß es: „Wir wissen, wer ihr seid, und wir werden euch finden, um die Rechnung zu begleichen.“ Vergangenen Samstag, einen Tag vor ihrem Verschwinden, sollen Phillips und Pereira zudem Zeugen einer Konfrontation zwischen Indigenen und einer bewaffneten Gruppe von Eindringlingen geworden sein. Phillips soll die Invasoren fotografiert haben.

Hauptnachricht in den Medien

Das Verschwinden von Phillips und Pereira ist in Brasiliens Medien zur Hauptnachricht geworden. Es ist auch ein klarer Hinweis auf die dramatisch verschlechterte Sicherheitslage in Amazonien unter der Bolsonaro-Regierung. Der Präsident greift immer wieder die Ureinwohner an und nennt ihre Reservate zu groß und nutzlos; illegale Goldsucher sind für ihn hingegen ehrliche Arbeiter. Sie und andere Mafiagruppen fühlen sich von ihm ermutigt, immer dreister in geschützte Gebiete einzudringen und jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, zu bedrohen.

Präsident Jair Bolsonaro hat sich nun auch zum Verschwinden von Philipps und Pereira geäußert. Er sagte, die beiden hätten sich auf ein gefährliches Abenteuer eingelassen, das man nicht unternehmen sollte. Dass Journalismus kein Abenteuer und der Schutz und die Sicherheit von Brasilien Reservaten die Aufgabe der Regierung sei, hielten ihm Journalistengruppen entgegen.

Dom Phillips’ brasilianische Frau hat unterdessen einen herzzerreißenden Appell an Brasiliens Behörden gerichtet, die Suche nach der „Liebe meines Lebens“ nicht aufzugeben.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.