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Konzert im Olympiastadion Berlin : Coldplay lassen es krachen

Sechs Feuerwerke und ein ukrainischer Kinderchor: Coldplay liefern eine überwältigende Pop-Show in Berlin. Und wiederholen das Spektakel noch zwei Mal.

Konzert im Olympiastadion Berlin : Coldplay lassen es krachen

Coldplay-Sänger Chris Martin in Aktion.Foto: dpa/Andreas Arnold

Wenn bunte Ballons über die Köpfe des Publikums hüpfen, kiloweise Konfetti in der Luft schwirrt und Raketen abgeschossen werden, bedeute das normalerweise, dass ein Popkonzert zu Ende geht. Außer man ist Coldplay. Die ballern das beim ersten Song ihres Konzerts im Olympiastadion raus.

Zu den Klängen von „Higher Power“ rennen Chris Martin und seine drei Bandkollegen auf die Bühne, während am langsam orange werdenden Berliner Himmel die Funken sprühen. Kurz könnte man sich Sorgen über die Dramaturgie des Abends machen. Wie soll dieser Bombast noch gesteigert werden? Aber keine Sorge: Das Feuerwerk ist nur das erste von sechs, die diesen Abend in den Orbit steigen.

Kinetische Tanzböden und Fahrräder

Drei Nächte lang füllen die Briten das Berliner Olympiastadion, auf den ersten Gig am Sonntag folgen fast ausverkaufte Konzerte am Dienstag und am Mittwoch. Coldplay funktioniert nur in groß. Und groß funktioniert kaum eine Band besser als Coldplay. Sie haben mit den Jahren das Genre des Stadionkonzerts perfektioniert, von der Lichtershow bis zur Songreihenfolge ist alles bis ins kleinste Detail abgestimmt und programmiert auf maximale Emotion.

Pathetisch geht es schon vor der Show los, als die Band in einem Video ihr viel beworbenes Umweltkonzept vorstellt. Es gibt kinetische Tanzböden und Fahrräder, mit denen das Publikum selbst Energie erzeugen kann. Auch sonst werde wo immer möglich auf klimafreundliche Technik gesetzt, ein Teil des Gewinns spendet die Band an Umweltprojekte. 

Todernst bedanken sich die vier Bandmitglieder bei den Zuschauer:innen. Menschen wirklich jeden Alters sind gekommen, es herrscht Volksfeststimmung mit Bratwurst, Burger und Bier aus Plastikbechern. Wie genau das Menü mit dem Umweltkonzept der Band zusammenpasst, ist unklar. Immerhin weist die überfüllte U-Bahn nach der Show darauf hin, dass sich viele der 70.000 Gäste an die Bitte der Band gehalten haben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen.

Ganz schlüssig ist das Ganze nicht, zumal die Band weiterhin mit dem Privatjet um die Welt reist, aber immerhin: Sie versuchen es. Wie Chris Martin sich ohnehin stets bemüht, seine politisch vagen aber unbeirrbar positiven Messages in die Welt zu bringen. „If you want love be love, if you want peace be peace”, blinkt auf den Videowänden.

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So einfach ist das in der Welt von Coldplay. Auf ihrem 2021 erschienen neunten Album „Music Of The Spheres“ geht es irgendwie ums Weltall, außerdem um gute Laune. Produziert wurde es von Hit-Garant Max Martin. Features von Selena Gomez und der südkoreanischen Boygroup BTS stellen sicher, dass die Songs auch bei einem jüngeren Publikum ankommen. Das Album klingt wie gemacht für Spotify-Algorithmen und Elektroauto-Werbung. 

Bei der Kritik kam das weniger gut an. „Es muss doch würdevollere Wege geben, oben zu bleiben“, urteilte etwa der „Guardian“. Aber das Konzept ging auf. Die BTS-Kollaboration „My Universe“, eine euphorische Pop-Nummer, bescherte der Band den ersten Nummer-Eins-Hit in den USA seit 2008.

Cool waren Coldplay ohnehin nie. Es ist 17 Jahre her, dass der „New York Times“-Kritiker Jon Pareles Coldplay „die unerträglichste Band des Jahrzehnts“ nannte. Seitdem zerreißen Kritiker:innen die Platten der Band immer wieder in der Luft.

Ausnahme ist das 2019 erschienenen „Everyday Life“, auf dem Coldplay mit Gospel und Blues-Sounds experimentierten und unter anderem mit dem nigerianischen Musiker Femi Kuti zusammenarbeiteten. Es war ihre kommerziell am wenigsten erfolgreiche Platte, die einzige ohne große Hit-Single und ohne Stadiontour. Von dem Album ist auf dem Berliner Konzert folgerichtig nichts zu hören.

Tausende Leuchtarmbänder blinken

Ansonsten ist wirklich für jeden und jede etwas dabei. Der emotionale Höhepunkt für Fans der alten Stunde kommt gegen Ende der ersten Konzerthälfte, als die Band Songs ihrer ersten Alben „Parachute“ und „A Rush of Blood to the Head“ spielen. Die Lichtshow dazu ist etwas weniger bunt als sonst, mit Strobo-Effekten bei „Politik“. Die Sonne geht gerade unter und treibt den Nostalgie-Faktor in die Höhe, als Coldplay ihren ersten Hit „Yellow“ zum Besten geben.

Tausende Leuchtarmbänder blinken zur richtigen Zeit in der richtigen Farbe (gelb), die Menge grölt ergriffen mit. Coldplay erzwingen mit allen Mitteln große Emotionen – und haben damit Erfolg. Aber auch die EDM-Party-Hits kommen nicht zu kurz und zwischendurch kommt sogar ein bisschen Rammstein-Feeling auf, als zur neuen Rock-Nummer „Power Of The People“ Flammen auf der Bühne lodern.

Vom Look her geht es nicht mehr so hippiesk zu wie bei der letzten Tour zu „A Head Full Of Dreams“. Der Blumenschmuck an Chris Martins Piano ist verschwunden, er trägt ein sportlich-funktionales Outfit und später ein Merch-Shirt mit der Aufschrift „Everyone is an Alien Somewhere“.

Gut gelaunt stolpert er über die Bühne, auch sein Signature-Flugzeug-Run darf nicht fehlen, bei dem er mit ausgestreckten Armen über die Bühne rennt. Im Gegensatz zu der Superbowl-Show von 2016, bei dem ihm erstaunlich oft die Luft ausging, ist er gut bei Stimme – wenn das Mikro nicht gerade übersteuert. Nur der Sound im Olympiastadion ist gewohnt miserabel und vor allem: laut. Zu Beginn der Show ist Chris Martin kaum zu hören. 

Zwischendurch wird es auch wirklich ein bisschen peinlich, als die Musiker zu den Songs ihres neuen Albums mit Marsmenschen-Helmen über die Bühne laufen, während auf den Videoleinwänden von den Muppets inspirierte Space-Puppen ihre Lieder singen. Chris Martin war noch nie ein besonders begnadeter Texter, die Lyrics auf dem neuen Album treibt den Cringe-Faktor in nie dagewesene Höhen. „We’re only human / But we’re capable of kindness / so they call us humandkind”, singt er etwa auf der Rockhymne “Humankind”.

Ein Notarzt-Einsatz unterbricht die Show

Mit großen Reden á la seinem Vorbild Bono hält Chris Martin sich aber Gott sei Dank zurück. Wiederholt bedankt er sich auf Deutsch bei den Fans und versichert, dass das Berliner Publikum das beste der Welt sei. Nachdem er „The Scientist“ am Piano vorträgt, preist er die Berliner Luft an. „What a beautiful fucking…Sunday“, verkündet er dann mit leichtem Zögern. Wenn man seit Monaten auf Welttournee ist, kann man schonmal vergessen, welcher Tag es ist. Nach dem ruhigen Moment geht es auf der kleineren Bühne in der Mitte der Menge mit „Viva la Vida“ weiter, Schlagzeuger Will Champion schwingt dazu die Paukenschläger.

Bei „Sky Full of Stars” kommt es standardmäßig zur Unterbrechung, weil Chris Martin das Publikum auffordert, für einen Song die Handys auszuschalten. Die Pause zieht sich dann aber in die Länge, weil es einen Notarzt-Einsatz gibt und die Band erstmal klarstellen will, ob alle okay sind.

Die Sanitäter:innen recken die Daumen hoch, weiter im Programm. Dass „Sky Full of Stars“ der letzte Song gewesen sein soll, glaubt dem Sänger niemand. Prompt kehrt die Band kehrt zurück mit einer intimen Performance ihres frühen Hits „Sparks“.

Ein wirklich emotionaler Moment kommt, als die Band vom Skript abweicht und einen ukrainischen Kinderchor auf die Bühne holt. Nachdem Chris Martin mit ihnen „Something Just Like This“ singt, brandet minutenlanger Applaus auf. „Die Menschen sind doch gar nicht so schlecht, wie alle immer sagen“, verkündet er mit Tränen in den Augen.

Doch es sind noch nicht alle Raketen verschossen. „Humankind“, „Fix you“ und „Biutyful“ bilden das große Finale mit Feuerwerk vier, fünf und sechs. Ihre letzte Platte wollen Coldplay angeblich 2025 herausbringen, so hat es Chris Martin zumindest angekündigt. So ganz kann man das nicht glauben, wenn man die Band an diesem Abend sieht. Stadien und Coldplay, das gehört einfach zusammen – und könnte ewig funktionieren.

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