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Leichtathletik-EM in München : Gut inszeniert, stark potenziert

Aus sportlicher Sicht war die Leichtathletik-EM ein voller Erfolg für die deutschen Athleten. Die Stimmung wirkte aber ein wenig hochgeschaukelt. Ein Kommentar.

Leichtathletik-EM in München : Gut inszeniert, stark potenziert

Im Olympiastadion in München war nicht immer so viel los wie bei dieser Morning Session.Foto: imago images/Schmitt

Als Gianmarco Tamberi in seiner für ihn so typischen Art, also so, wie sich das alle Menschen außerhalb Italiens bei einem Italiener vorstellen, seinen Sieg in der Hochsprungkonkurrenz feierte, schallte „Bello e impossibile“ aus den Lautsprechern des Münchner Olympiastadions.

Der Uraltkracher von der italienischen Rockröhre Gianna Nannini, wie man 1986 im Erscheinungsjahr des ollen Stückes gesagt hätte. Ein Lied als kleinster gemeinsamer Nenner für alle Zuschauenden in der Arena, zumindest für die Älteren unter den Fans. Junge Menschen wird man damit kaum mitgerissen haben, sie hören im Normalfall nicht Sender, die die größten Hits der Achtziger runterdudeln.

Die Stimmung bei den Europameisterschaften in der Leichtathletik war gut, mal ein wenig Rummelplatz, aber durchweg goldig, sicherlich. Das wiederholten die Reporter der übertragenden Sender ARD und ZDF in Dauerschleife und jeder Athlet und Athletin, die sie vors Mikrophon bekamen, musste auch was zur grandiosen Atmosphäre herunterbeten. Es wurde immer wieder von „magischen Momenten“ geredet, besonders Co-Kommentator Frank Busemann war ein wandelndes Stimmungsbarometer am Anschlag.

Wobei die Siegerinnen und Sieger die feiernden Massen auf den Rängen sichtlich genossen, da fühlt sich eben jede Ehrenrunde anders ans als in einem nicht mal halbvollen Stadion in Braunschweig bei einer deutschen Meisterschaft. Ganz sicher: Die Aktiven haben sich die Kulisse von München verdient, bis zum Schlusstag am Sonntag.

Wie es danach in der Leichtathletik weitergeht, weiß kein Mensch. Sicher hat die EM von München ihr nicht geschadet, aber ob das Event ihr dauerhaft hilft? Es ist wohl eher so, dass das durch Fernsehübertragung potenzierte Massenevent in diesen Tagen nach jahrelangem coronabedingten Verzicht bestens funktioniert – wenn die Deutschen auch Erfolge feiern. Die Sportart ist dabei bis zu einem gewissen Grade wohl austauschbar.

„Man darf es auch nicht alles schönreden“

Vor wenigen Wochen noch wurde bei der Fußball-EM der Frauen kollektiv gefeiert im Land bei großen Einschaltquoten. Nun hat die Jubelkarawane nach München geschaut. Findet hingegen ein Sportereignis zu ungünstigen Sendezeiten in der Ferne statt und gewinnen die deutschen Athletinnen und Athleten nix, dann interessiert das weniger, auch wenn es qualitativ besseren Sport bietet, als die EM von München – wie vor wenigen Wochen die WM der Leichtathletik in den USA.

Der Fan vorm TV will deutsche Erfolge sehen. Und vor allem das alte Medium kann sich feiern, auch wenn womöglich wenig Menschen unter 20 Jahren ARD oder ZDF schauen: Gegen die Wucht der Flimmerkiste ist kein Stream gewachsen.

Dass sich das Ereignis von München und die gesamten European Championships relativieren lassen, ist klar. Europa ist eben in der Leichtathletik nicht immer Weltspitze, mancher Erfolg wäre nicht zustande gekommen, wenn die Welt am Start gewesen wäre. „Man darf es auch nicht alles schönreden“, sagt etwa Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler. „Die WM ist der Maßstab und sollte es auch sein.“

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Aber eine solche EM gebe viel Auftrieb. Und am Besten solle sich München doch jetzt noch mal für Olympia bewerben, die Bayern seien ja – man habe es gesehen – sehr sportbegeistert. Was sich wiederum relativieren lässt, am großen Donnerstagabend der Konstanze Klosterhalfen und ihrem Triumph über 5000 Meter waren 31.000 Menschen im Stadion, das also nicht mal halbvoll war.

Aber die Inszenierung hat eben gestimmt und wurde im Fernsehen geschickt potenziert. Insofern hat München aus der Ferne viel Spaß gemacht, dem Event haftete doch trotz viel Professionalität und etwas Austauschbarkeit eigener Charme an. Womöglich lag es auch am Stadion, das ja fast so alt ist, wie manch eingespielter Gassenhauer.

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