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Medien : Der Anti-Bozen-Krimi

Südtirol kann sehr grausam sein: Tobias Moretti in einem ZDF-Zweiteiler der besonderen Art.

Medien : Der Anti-Bozen-Krimi

Gesichter und Gesten. Der Südtiroler Weingutbesitzer Matteo DeCanin (Tobias Moretti, Mitte) hat sich mit der Mafia angelegt.Foto: ZDF und Hubert Mican

Äpfel dürfen ja keinesfalls mit Birnen verglichen werden. Ist unangemessen, ungerecht. Also darf man auch nicht einen Bozen-Krimi mit einem anderen Bozen-Krimi vergleichen. In der ARD sind seit 2015 mehr als ein Dutzend dieser Filme gelaufen, sie reihen sich ein in die Länder-Scheibletten von Zürich über Lissabon nach Kroatien und zurück nach Bozen. Die ARD-Reihe ist TV-Dutzendware, im üblichen Raster arrangiert und konzipiert. Von solcher Qualität wie die Freitagskrimis im ZDF, keiner, nicht die Sender und nicht das Publikum, muss sich dafür schämen. Aber wirkliche Freude kann nicht aufkommen.

Das ZDF setzt am Montag und am Dienstag auch einen Bozen-Krimi ins Programm, „Im Netz der Camorra“, jeweils 90 Minuten. Das Erstaunliche: Die Handlung hätte auch in einmal 90 Minuten gepasst, so übersichtlich ist das Geschehen. Noch erstaunlicher: Eine aufs übliche Format am Montag zusammengeschobene Version hätte diese Produktion um ihre besondere Kraft gebracht. Sie muss reifen, um sich entfalten zu können. („Im Netz der Camorra“, ZDF, Montag und Dienstag, 20 Uhr 15)

Ja, „Im Netz der Camorra“ spielt auf einem Weingut, auf den 60 Hektar des Ehepaares DeCanin und ihrer Tochter. Matteo DeCanin (Tobias Moretti) schaut auf 25 Jahre beruflichen Erfolgs und privaten Glücks. Seine Ehefrau Stefania Ursina Lardi) hat das Weingut in die Ehe gebracht, lange hatte sie bis zum Entschluss gebraucht, es zu bewirtschaften statt zu verkaufen und in einer feinen Villa in Südtirol zu versauern. Denn dann trat Matteo in ihre Leben, den wollte sie „sofort haben“.

Zusammen haben der Winzerin und der Winzer das Gut zum Blühen gebracht, die Tochter (gespielt von der Moretti-Tochter Antonia) ist in der Spur, wenn der strenge Helikopter-Vater sie eine Traube probieren lässt, dann muss sie erkennen, was Gutes, vielleicht sehr Gutes in dem Jahrgang steckt. Die DeCanins wollen keinen Massenwein, ihr Ehrgeiz richtet sich auf den außergewöhnlichen Tropfen.

Die Idylle trügt in dem Moment, als Matteo daran erinnert wird, dass er einst Lorenzo hieß, da war er noch Mitglied der Camorra, ein brutaler Knecht im Dienst der Familie. Nino Sorrentino (Fabrizio Romagnoli) war sein Freund, sein Kumpan, gemeinsam haben sie gemordet. Sorrentino nähert sich Matteo mehr und mehr, er bekommt ihn wieder in den Würgegriff, er soll Wein panschen und der Camorra damit den Einstieg ins einträgliche Geschäft ermöglichen.

Es wird blutig, brutal in wenigen Momenten

Und da ist noch die junge Akua (Precious Mariam Sanusi), die den Kriminellen entkommen ist und jetzt beim Carabinieri Adrin Erlacher (Harald Windisch) einen Unterschlupf findet. Der Polizist muss sie zugleich beschützen und einen Weg in eine sichere Zukunft weisen. Zwangsläufig werden sich die Wege von Matteo/Lorenzo, Erlacher und Sorrentino kreuzen.

Das Drehbuch von Ben von Rönne und Andreas Prochaska (nach einer Idee von Max Gruber) weitet den Krimi ganz schnell zum Drama: Matteo will seine Zwangslage vor seiner Familie und dem Carabinieri verheimlichen, was sein Vorgehen zwangsläufig immer unverständlicher und mysteriöser macht. Sein altes Leben hat sein jetziges Leben eingeholt und wenn der Winzer vermeiden will, dass die Camorra-Bedrohung ihn nicht überrollt, muss er handeln.

Es wird blutig, brutal in wenigen Momenten, es entfaltet sich ein Schuld-und-Sühne-Stück auf Südtiroler Bühne. Ein Mann steht an der Klippe, er hatte gemeint, seine Vergangenheit vergessen und vergessen machen zu können. Er hat sich geirrt und er muss sich erinnern an das, wozu er im ersten Leben fähig gewesen war.

Andreas Prochaska heißt der Regisseur, und nicht erst seit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit „Das finstere Tal“ von 2013 sind sich der Prochaska und Moretti in ihrer Überzeugung gewiss: Wir machen einen Film der Gesichter und der Gesten und nicht der Action. Dafür braucht es Rollenspieler der feinen Art.

Moretti steht in dieser Kategorie, keine Frage, aber was das Schaubühnen-Mitglied Ursina Lardi, Harald Windisch als Polizist, Fabrizio Romagnoli alias Nino Sorrentino und in nur geringer Entfernung Antonia Moretti spielend leisten, das fesselt den aufmerksamen Zuschauer und lässt das Schauspiel orientierte Publikum mit der Zunge schnalzen.

Denn das brauchen die 180 Minuten: den wachen Geist, die volle Konzentration, wenn die Qualitäten erkannt und genossen werden sollen. Alles könnte schneller, ruppiger, mit sehr viel höherer Fließgeschwindigkeit passieren. Aber was ist dann gewonnen? Wenig, ganz wenig, weil so viel verloren wäre. Die Details der Farbgebung beispielsweise. Alles Grün ist eingedunkelt, Rosensträucher, deren nachkolorierte Blüten rote Tupfer in den Hintergrund setzen. Die Landschaft erzählt die Geschichte, die Inszenierung des Draußen illustriert die Zustände nach innen.

Das Gesicht von Matteo-Lorenzo-Moretti versteinert zusehends, er braucht einen Ausweg, den er nur im größten Risiko zu finden scheint. Nicht anders Carabinieri Erlacher, der seine Vorgesetzte (Melika Foroutan) mit bejahendem Nicken ignoriert, der zwischen Recht und Gerechtigkeit einen Fluchtweg für die junge Nigerianerin finden will. Er ist ein Solist, wie Matteo/Lorenzo einer wird. Und doch bleibt „Im Netz der Camorra“ dem Genre des Mafiafilms treu, wenn es ins Showdown-Finale geht.

Da sind die 180 Minuten um, und dass Wein und Blut dieselbe Färbung aufweisen, wird nicht nur im Vorspann sinnfällig. Ein Krimi, ein Menschendrama fern von aller Brotzeit-Tümelei in sonstigen Bozen-Krimis.

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