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MeToo am französischen Theater : „Er hat mich vergewaltigt und ihr applaudiert ihm“

Die Sexismusdebatte erreicht nach dem französischen Film nun auch die Bühnen des Landes. Und sie wird noch durch einen zusätzlichen Konflikt angeheizt.

MeToo am französischen Theater : „Er hat mich vergewaltigt und ihr applaudiert ihm“

Demonstration gegen Frauenmord in Toulouse, Oktober 2021.Foto: IMAGO / NurPhoto

„Er hat mich vergewaltigt und ihr applaudiert ihm“ stand vor einer Woche auf einem Banner bei einer Demonstration im Herzen von Paris. Der Satz bezog sich auf einen der vielen Fälle sexueller Gewalt am französischen Theater. Unter anderem beschuldigte die Youtuberin Marie Coquille-Chambel einen Schauspieler der Comédie Française, sie während eines Schwächeanfalls vergewaltigt zu haben.

Ihr Tweet wurde zum Auslöser einer Bewegung, die unter dem Hashtag MeTooTheatre zuerst die sozialen Netzwerke in Wallung brachte und nun auch die traditionelle Medienlandschaft bewegt. Immer zahlreicher werden seitdem die Zeugnisse sexueller Gewalt gegen Frauen in der Theaterszene. Nach den Debatten um Missbrauchsfälle im französischen Film, die nach Enthüllungen der Schauspielerin Adèle Haenel Ende 2019 die Medien nicht nur in Frankreich wochenlang beschäftigten, hat MeToo nun auch das französische Theater erreicht.

Ein Kollektiv, das sich unter dem Hashtag MeTooTheatre zusammenfand, beklagt in einer Resolution einen branchenweiten Hang zu Formen sexueller Gewalt. Es berichtet von dunklen Kulissen, späte Abende an den Bars von Gastspieltheatern bis hin zu unklaren Situationen in Produktionsbüros.

Mehr als 1500 Menschen haben die Resolution unterzeichnet. Eine der Erstunterschriften stammt von Adèle Haenel. In dem vor wenigen Tagen in der Tageszeitung Libération veröffentlichten Abdruck heißt es: „Schon in der Schauspielschule haben wir verstanden, dass wir auswechselbare Objekte sind, Musen, die keine Subjekte werden können. Unsere Lehrer haben uns beigebracht, dass wir uns den Wünschen der Regisseure anzupassen haben, diesem mysteriöse Verlangen, das wir unbedingt wachrufen müssen, wenn wir in Zukunft engagiert werden wollen.“

Für Ärger sorgt die Beteiligung eines Komponisten

Vor allem der ehemalige Direktor des Theaters in Nancy steht im Mittelpunkt der Anschuldigungen: Michel Didym, der als Gründer des Festivals „Mousson d’Été“ und einer der Vorkämpfer für zeitgenössisches Drama bekannt ist. Rund zwanzig Fälle sexueller Belästigung werden ihm vorgeworfen. In Nancy wurde nun gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Die Debatte um Sexismus in der französischen Theaterlandschaft wird zusätzlich durch einen weiteren Konflikt angeheizt: Am Pariser Théâtre de la Colline, einem der sechs Nationaltheater Frankreichs, probt der durch seine Gastspiele auch in Berlin bekannte Autor und Regisseur Wajdi Mouawad derzeit an seinem neuen Stück „Mère“, das Teil eines autobiografischen Zyklus’ ist.

Für Ärger sorgt die Tatsache, dass Bertrand Cantat den Soundtrack liefern soll. Der ehemalige Sänger der Kultband Noir Désir und so etwas wie ein französischer Jim Morrison hatte 2003 seine Freundin Marie Trintignant unter Drogen zu Tode geprügelt. Bereits nach der Hälfte seiner achtjährigen Haftstrafe wurde er entlassen. Jeden seiner Versuche, auf die Bühne zurückzukehren, begleiteten seitdem wütende Proteste von Fraueninitiativen.

Bereits 2011 hatte Regisseur Wajdi Mouawad den Sänger als Vertreter des Chores in einem Tragödien-Triptychon engagiert – trotz scharfer Kritik unter anderem von Jean-Louis Trintignant, dem berühmten Vater der Ermordeten. Cantat war in dieser ansonsten eher schwachen Aufführung ein magischer Mittelpunkt. Allerdings sang er aus dem Off, von hinter der Bühne.

Mouwad sieht sich als Opfer

Schon damals wurde Wajdi Mouawad gefragt, ob er Cantat trotz der Proteste erneut besetzen würde. Was er bejahte. Diesmal hat seine Position einen Skandal ausgelöst. So erklärte Kulturministerin Roselyn Bachelot ihr Befremden während einer Sendung von France Inter über die Lage der Kultur nach den Lockdowns. Eine Zuhörerin hatte ihre Haltung zu dem Fall wissen wollen. „Wajdi Mouawad kann nicht vorgeworfen werden, sexistische Gewalt zu tolerieren, und es ist nicht an mir, in Direktoriumsentscheidungen am Théâtre de la Colline zu intervenieren,“ sagte sie. „Dennoch bedauere ich die Einladung von Bertrand Cantat.“

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Auf der Website des Théâtre de la Colline reagierte Mouwad scharf: Sollte die Kulturministerin oder der Präsident der Meinung sein, sein Verhalten sei mit den Prinzipien der Republik unvereinbar, werde er die Leitung des Theaters sofort niederlegen. Gleichzeitig attackierte er feministische Bewegungen, die „ohne es zu wissen, einem ranzigen Katholizismus nacheifern, von einer Erbsünde ausgehen und einer ewigen Schuld“. Eine „zeitgenössische Form der Inquisition“ sei am Werk. Und niemand solle ihm mit der Opferrolle kommen, denn Opfer zu sein, davon verstehe er mehr. 1976 war der Regisseur achtjährig mit seiner maronitischen Familie aus dem Bürgerkriegsgebiet des Libanon geflohen.

Für Mouawad gelten nur das Gesetz und Rechtsprechung, ansonsten keine andere Form öffentlicher Sanktion. In den Medien wird der Fall nun landesweit diskutiert. Cantat solle doch unter Pseudonym komponieren, heißt es, er dürfe arbeiten, aber nicht auftreten. Da das Théâtre de la Colline aus der Staatskasse finanziert werde, bestehe das eigentliche Problem in der Öffentlichkeit seiner Arbeit, der Repräsentation.

In dem Konflikt wird es wohl keinen Kompromiss geben

Die feministischen Verbände wiederum beklagen die „Omerta“, die Verheimlichung machistischer Übergriffe, und kämpfen für eine neue Sichtbarkeit. Cantats Arbeit an einem Nationaltheater stellt da eine Provokation dar. Mouawad äußerte sich mit den Worten: „Ich höre nicht auf, in meinen melodramatischen Stücken das Unversöhnbare zu versöhnen. Warum sollte ich im Leben eine andere Haltung haben als beim Schreiben?“

Für Sprengstoff sorgt noch eine weitere Spielplanposition am Théâtre de la Colline. I2022 soll dort Jean-Pierre Baro inszenieren. Ende 2019 musste der Regisseur wegen dem Vorwurf sexueller Nötigung auf öffentlichen Druck hin die Leitung des Théâtre des Quartiers d’Ivry abgeben. Das gegen ihn angestrengte Verfahren wurde zwar eingestellt, aber das Onlinemagazin „Mediapart“ hatte den Fall trotzdem neu aufgerollt. Von „Blogjustiz“ war daraufhin die Rede.

Im Konflikt um Wajdi Mouawads Pläne in Zeiten von MeTooTheatre wird es wohl keinen Kompromiss geben. Der Fall spaltet die französische Gesellschaft. Anlässlich einer Diskussion auf dem Fernsehkanal RMC wurde eine Publikumsbefragung durchgeführt: 47 Prozent zeigten sich schockiert über das Engagement Bertrand Cantats an der Colline, 53 Prozent nicht.

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