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Nachlass des Metalldompteurs Alexander Calder : Der erste internationale Superstar der Kunstwelt

Der Bildhauer Alexander Calder hatte eine enge Beziehung zu Berlin und der Nationalgalerie. Alexander S. C. Rower leitet die Stiftung seines Onkels. Eine Begegnung.

Nachlass des Metalldompteurs Alexander Calder : Der erste internationale Superstar der Kunstwelt

Alexander Calders Skulptur «Têtes et Queue» (1965) vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Zur Wiederauferstehung der Neuen Nationalgalerie aus ihren 35.000 sanierten Einzelteilen ist auch Alexander Calders Skulptur „Têtes et queue“ zurückgekehrt – seit der Eröffnung des Museums 1968 hatte die mattschwarze Stahlgestalt ihre fünf Köpfe Mies van der Rohes Glasbau zugewandt. Auch unter dem Schwebedach der Halle stehen seine Werke. Die Calder-Ausstellung „Minimal/Maximal“ ist der Eröffnungstusch nach der mehrjährigen Sanierung des Hauses. Zustande kam sie im Wesentlichen durch die Unterstützung von Alexander S. C. Rower, Enkel des Künstlers und Präsident der Calder-Foundation in New York.

Rower und die Stiftung sind bis ins Detail jedes Calder-Projektes involviert. Sie liegt südlich des Times Square, untergebracht in einem lichtdurchfluteten Büro und Archiv in der zwölften Etage. Hier lagern die Skupturen zwischen den Museumsausstellungen, 130 000 Dokumente befinden sich in feuerfesten Aktenschränken. Rowers Penthouse-Büro liegt darüber: Unter dem hohen Fiberglasdach wiegen sich Mobiles wie Palmwedel unter der Kuppel eines tropischen Gewächshauses. An den Wänden hängen Bilder von Miró, Arp und Léger, den Freunden des 1976 verstorbenen Künstlers. Das Mobiliar besteht aus Designerstücken von Carlo Mollino, Paul Evans oder George Nakashima, auf dessen langgestreckter Kommode sich buddhistische Bronzefiguren und Miniaturgemälde von Francis Picabia zum Stillleben fügen.

Rower tritt ein in Jeans, Turnschuhen und schicken Hemd. Die Manschettenknöpfe stammen vom Großvater. „Circa 1940, er selbst hat sie getragen“, erklärt der jüngste von vier Enkeln. Seit mehr als drei Jahrzehnte kümmert er sich um die Dokumentation, Erforschung und Verteidigung von Calders Oeuvre – die Stiftung hat rund 22 000 Werke registriert.

Der 58-Jährige weiß um die Entstehungs- und Ausstellungsgeschichte eines jeden Spielzeugs und Gemäldes, er kennt alle Anekdoten und Gerüchte. Auf Eröffnungen sticht er die Kuratoren mit seiner Expertise und persönlichen Nähe zu Calder aus. „Ich bin ungebildet“, behauptet er jedoch: Wie seine Mutter besuchte er die Putney School in Vermont, ein progressives Internat. Mit acht entschied er sich gegen eine Hochschulausbildung. „Ich besitze praktische Kenntnisse über Physik, Maschinenbau, Architektur“, sagt Rower, „und ich sammle Mineralien – die Skulpturen der Natur“. Ihm gehört der berühmteste Rhodochrosit der Welt, aber auch Granaten vom großelterlichen Grundstück in Roxbury in Connecticut, die er dort mit „Grandpa“ aufspürte – alle Pfade führen zurück zu Calder.

Beim Entrümpeln die Berufung entdeckt

In Rowers frühester Erinnerung installiert der Großvater am Lincoln Center sein krakenhaftes Stabile „Le Guichet“, das einem Kinderalbtraum entsprungen sein könnte – Sandy, wie sie ihn noch immer alle nennen, war damals zwei. Heute gehört er mit Bernard Ruiz-Picasso und Joan Punyet Miró zum exklusivsten Club der Enkel weltbekannter Künstler. Rowers Ambition einer eigenen künstlerischen Karriere währte nur wenige Jahre. Er beschreibt sich als ehemaliger Bildhauer, Maler, Schmuckdesigner und Fotograf – für den Nachkommen einer Künstlerdynastie in fünfter Generationen eine Selbstverständlichkeit.

„Meine Eltern erlaubten mir, meine eigene Identität zu finden.“ Doch die war untrennbar mit der des Großvaters verknüpft: „Ich habe hübsche Dinge gemacht, gut verkäuflich, aber sie haben die Welt nicht verbessert. Und ich sah, dass man Calders Hinterlassenschaft strangulierte.“ Statt sich im Halbschatten des berühmten Vorfahren eigenen Projekten zu widmen, wurde er zu dessen Stellvertreter, denn „frühestens das Enkelkind kann einen abgeklärten, kritischen Blick auf das Werk entwickeln“.

Die Position des Auserkorenen ergriff Rower bereits mit vierzehn: im Frühjahr 1977, acht Monate nach Calders Tod, machte sich die Familie an die Entrümpelung seines Hauses in Saché in der Loire-Region, wo der liberale Künstler und vehemente Gegner des Vietnamkrieges seine letzten Lebensjahre verbrachte. Haus und Atelier waren bis in den letzten Winkel mit Objekten, Materialien und Papieren nach einem Ordnungsprizip übersät, das nur ihrem rastlos produktiven Schöpfer bekannt war. Sandy verhinderte damals, dass ein Wust von Notizen, Briefen, Quittungen, Zeitungsausschnitten und Kritzeleien in vierzehn Müllsäcke weggeworfen wurde.

Stattdessen veranlasste er die Verschiffung der Papiere in ebensovielen Kartons nach New York: „Es war eine spontane, intuitive Reaktion“, kommentiert Rower, der damals bereits von Händlern in Restaurierungsangelegenheiten konsultiert wurde. Mit seinem Bruder Holton hatte er Calder bei der Arbeit beobachtet, sich Prozesse erklären lassen und umgekehrt ihm bei der Konstruktion von Objekten geholfen. Nur Sandy konnte in einem wilden Drahtknäuel individuelle Calder-Figuren identifizieren.Zehn Jahre lagerten die Papiere in einem Kleiderschrank der Mutter im Haus an der McDougal Street im Village. „In meiner Familie gibt es keine Kuratoren, keine Gelehrten und keine Händler.“

Mondrian brachte Calder zur Abstraktion

Mit 24 übernahm Rower die seit Jahren vor sich hinschlummernde Foundation und entwickelte ein Klassifizierungssystem, in das sich schließlich auch der ungereimte Inhalt der Kartons aus Saché fügte. Heute umfasst das Archiv Bankunterlagen, Korrespondenzen, Reisedokumente, Notizen und mehr. Darüber hinaus gehört der Foundation eine durch Rückkäufe stetig wachsende Sammlung aus Mobiles, Stabiles, Ölbilder, Schmuck – darunter die 13 Zentimeter langen Ohrringe für Peggy Guggenheim – sowie Haushaltsgegenstände und Spielzeug.

Dass Calder in den späten 20er Jahre einen Miniaturzirkus mit von ihm zu überraschenden Aktionen animierten Figuren schuf, brachte ihm den Ruf eines „spielerischen“, „charmanten“ Künstlers ein. An diesen Bezeichnungen entzünden sich Rowers Zorn und seine Mission, denn „Cirque Calder“ nahm die Performance Art um Jahrzehnte vorweg: Die Drahtakrobaten verkörperten präzise die Anatomie der Artisten, sein Publikum bestand aus der Intelligenzia von Paris.

Nachlass des Metalldompteurs Alexander Calder : Der erste internationale Superstar der Kunstwelt

Alexander S. C. Rower leitet die Calder-Stiftung.Foto: Maria Robledo/ VG Bildkunst Bonn 2021

Es war Mondrian, der Calder zur Abstraktion brachte, und sein Freund Duchamp, der seine beweglichen Skulpturen Mobiles taufte. „A Universe“, eine kinetische Komposition aus zwei Kugeln, die einander auf ihren Umlaufbahnen aus Draht mit unterschiedlicher Geschwindigkeit umkreisen, ist so komplex, dass selbst „Einstein den Mechanismus nicht kalkulieren konnte, ehe der Ablauf nach vierzig Minuten von vorn begann“, erklärt Rower mit Verachtung gegenüber jenen Kritikern, die das 1934 entstandene Werk beharrlich „THE Universe“ nennen: Calders Imagination sei schließlich zu groß für nur ein Weltall gewesen.

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In den späten 1940ern „war Calder der erste internationale Superstar der Kunstwelt – er flog in alle Welt,“ sagt Rower. Generell „erwachte Amerika jedoch erst in den 1960er Jahren zur Kunst, und Calder wurde dann fälschlich als Zeitgenosse von Lichtenstein und Warhol gesehen“. So gilt Rowers zweite Aufklärungskampagne der korrekten Platzierung des 1898 geborenen Künstlers in der europäischen Avantgarde der späten 20er Jahre – seiner Zeit so weit voraus.

Calder pflegte eine okkulte Kommunikation mit seinen Objekten

„Was ist lebendig?“ Diese Frage steht für Rower im Zentrum von Calders Werk. „Die unmittelbare Übertragung seiner eigenen Vitalität auf die stoische Materie war ein mystischer Prozess: „Ebenso wie Picasso hat Calder nie mit einem Assistenten gearbeitet.“ Beide fürchteten die Leere der Leinwand oder des Ateliers. Beide machten sich daran, die Welt obsessiv mit ihren beseelten Schöpfungen zu füllen. Umgekehrt entnehmen Calders abstrakte Kreaturen „ihr Leben dem mysteriösen Leben der Atmosphäre“, wie Sartre schrieb. Seine Haushalte in Connecticut und Frankreich stattete Calder mit selbstgemachten Quirlen, Sieben, Trichtern und sogar technisch raffinierten Toastern aus. So überlegt sich Rower, eines dieser exzentrischen, filigranen Drahtgebilde „wie einen Schwitters» an die Wand zu hängen – als ein Objekt, das mit der Aura des Unikats aufgeladen ist und eine fast okkulte Kommunikation zu ihrem Schöpfer herstellt.

Auch das Archiv stiftet immer wieder Verbindungen zwischen entlegenen Dokumenten oder spielt zumindest Rower Papiere in die Hände, die ihn auf neue Fährten leiten. Wie der Brief von Calder 1943 an den MoMA-Kurator James Johnson Sweeney, dem der Künstler sein Werk „Small Sphere and Heavy Sphere“ für eine Ausstellung vorschlug. Schlagartig begriff Rower, dass eine Holzkiste mit mehreren Flaschen, einem Gong, langen Schnüren und den beiden im Titel erwähnten Kugeln im Keller von Calders Haus in Roxbury gemeint war, deren Bestimmung er bis dahin nicht kannte.

(Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 13. 2.; Di bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr)

Sweeney lehnte damals Calders Angebot ab, dabei handelte sich um Konzeptkunst aus dem Jahr 1932, so Rower. Das verkannte, im Ruhezustand unscheinbare Werk mit den beiden, von einer Stange an langen Schnüren dicht über dem Boden schwebenden Kugeln ist heute gleich neben dem Ledersofa installiert und wartet auf seinen Zeremonienmeister: Mit einem sanften Stoß setzt Rower den größeren, roten Ball in Bewegung – und ein weitschweifiger Tanz beginnt. Zehn magische Minuten schwingen die Kugeln ins Leere oder kollidieren mit den willkürlich auf dem polierten Beton verteilten Objekten.

Das Gestische der Abstrakten Expressionisten, das Zufallsprinzip von John Cage, die interaktive Kunst der Gegenwart – all das ist für Rower in dieser Komposition vorweggenommen, Calders erstem hängenden Mobile. Das unberechenbare Pas de Deux der beiden ungleichen Partner ist auch als Konzert konzipiert: Für Calder, der Freundschaften mit Avantgarde-Musikern wie Edgard Varese und Pierre Boulez pflegte, war die akustische Dimension seiner Arbeiten ebenso wichtig wie Farbe, Material und Form. Der Klang eines Mobiles, so dichtete André Masson liebevoll, „kündigt die Stunde der geschäftigen Tausendfüßler an“. Sie sind noch längst nicht zur Ruhe gekommen. In der Neuen Nationalgalerie werden einige von ihnen als besondere Attraktion im Rahmen von Führungen durch die aktuelle Ausstellung ebenfalls in Bewegung versetzt.

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