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Not-Visa für afghanische Medien-Mitarbeiter : „Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren“

Ohne die lokalen Medien-Mitarbeiter hätte es keine unabhängigen Berichte aus Afghanistan gegeben. Nun droht ihnen Verfolgung, Verhaftung, der Tod, warnt Katja Gloger von Reporter ohne Grenzen und schließt sich dem Hilferuf an die Bundesregierung an.

Not-Visa für afghanische Medien-Mitarbeiter : „Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren“

Katja Gloger ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied in der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“Foto: Hans-Jürgen Burkhard

Frau Gloger, zahlreiche Medienverlage, Sender und Verbände haben sich in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung gewandt und sich in einem Hilferuf für ein Visa-Notprogramm für die afghanischen Medien-Mitarbeiter stark gemacht. Wie ist die Situation für die Kollegen in Kabul beziehungsweise Afghanistan?
Journalistinnen und Journalisten, Übersetzer und andere lokale Mitarbeiter haben sich in den vergangenen Jahren im Glauben an eine freie und unabhängige Presse sehr stark exponiert. Ohne ihre mutige Arbeit war die unabhängige Berichterstattung westlicher Medien, auch der deutschen, aus Afghanistan nicht denkbar. Jetzt haben sie große Angst vor Racheakten der Taliban, vor Folter und Ermordung. Schon vor der Machtübernahme der Taliban war die Arbeit insbesondere für Journalistinnen lebensgefährlich. In dem Land, in dem Frauen immer wieder Zielscheibe fundamentalistischer Propaganda sind, wurden allein im März mindestens drei Journalistinnen ermordet: Mursal Wahidi, Sadia Sadat und Shahnaz Roafi. Ende 2020 schossen zwei Männer auf das Auto der Journalistin Malala Maiwand, als diese auf dem Weg zur Arbeit war. Sowohl Maiwand als auch ihr Fahrer kamen dabei ums Leben.

Um wie viele Journalisten, Übersetzer und andere lokale Mitarbeiter handelt es sich?
Wir gehen momentan davon aus, dass es sich um wenige Dutzend Personen, einschließlich ihrer Familien handelt, die für deutsche Medien gearbeitet haben. Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit deutschen Medienhäusern und NGOs an einer Namensliste für das Auswärtige Amt. Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren. Leider haben wir in den vergangenen Tagen nicht zu allen Medienschaffenden Kontakt aufnehmen können. Das gilt auch für Mitarbeitende des Zentrums für den Schutz afghanischer Journalistinnen (CPAWJ), seit 2017 unser Partner vor Ort. Weniger gut vernetzten deutschen Redaktionen bieten wir an, uns für ihre Mitarbeitenden mit einzusetzen, wenn sie deren Leben gefährdet sehen. Bitte wenden Sie sich an uns. Unsere Sorge gilt aber auch allen anderen Menschenrechtsverteidigerinnen und Akteuren, die sich für eine afghanische Zivilgesellschaft engagiert haben, für eine friedliche demokratische Entwicklung, die nun erneut unmöglich erscheint.

Es hat bereits zuvor Bombenanschläge, Morde, Attentate auf Journalisten und deren Mitarbeiter gegeben. Womit ist nach der Machtübernahme der Taliban zu rechnen?
Mit dem Vorrücken der Taliban haben schon in den vergangenen Wochen viele Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit verloren, sehen sich und ihre Familien massiven Bedrohungen ausgesetzt. Ihnen drohen Verfolgung, Verhaftung, Folter, gar der Tod. Mehr als 50 Medien – hauptsächlich lokale Radio- und Fernsehsender – mussten bereits schließen. Diejenigen, die es noch gibt, senden jetzt ausschließlich religiöse, von den Taliban vorgegebene Inhalte. Viele Medienmitarbeitende, die nicht für ausländische Medien gearbeitet haben, fürchten, dass ihnen rettende Visa verwehrt bleiben. In der Tat besteht höchste Gefahr für Leib und Leben. Afghanistan ist eines der gefährlichsten Länder für Journalistinnen und Journalisten weltweit. Darauf hat Reporter ohne Grenzen immer wieder hingewiesen. Mindestens 100 Medienschaffende wurden in den letzten 20 Jahren in Afghanistan ermordet.

Not-Visa für afghanische Medien-Mitarbeiter : „Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren“

Katja Gloger ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied in der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“Foto: Hans-Jürgen Burkhard

Die Bundesregierung wird derzeit kritisiert, ihre Rettungsaktionen für lokale Mitarbeiter zu spät begonnen zu haben. Haben die westlichen Medien genügend für den Schutz ihrer Mitarbeiter, auch der afghanischen, getan?
Viele deutsche, aber auch internationale Medien haben angesichts der dramatisch wachsenden Gefahr schon vor Wochen damit begonnen, Schutz- und Sicherheitskonzepte für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu erarbeiten. Dazu gehört zum Beispiel auch die Unterstützung von Mitarbeitenden bei der Ausreise in ein Nachbarland, um von dort aus weiter berichten zu können. Die dafür notwendige Logistik und auch die Kosten stemmen aber nur große Medienhäuser. In den USA hat die Biden-Regierung die Betroffenen in ihr Flüchtlingsprogramm aufgenommen; auch die britische Regierung arbeitet offenbar an einer ähnlichen Lösung. Dass sich die Herrschaft der Taliban rasant ausdehnte, haben viele Insider mit großer Sorge beobachtet und kritisiert, dass sich auch die Bundesregierung die Lage immer wieder schöngeredet hat. Jetzt gilt es, mit Hilfe von Not-Visa Leben zu retten, unbürokratisch, rasch und großherzig.

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Die Not-Visa sind das eine, freie Plätze in den letzten Maschinen aus Kabul das andere. Welche Chancen habe die lokalen Medienkräfte, jetzt noch das Land zu verlassen?
Es ist wichtig, dass lokale Medienmitarbeitende wenn irgend möglich Kontakt zu ihren Häusern und Kollegen in Deutschland halten. Ohne konzertierten politischen Druck auf die Taliban, natürlich insbesondere durch die USA, andere Nato-Partner und auch Deutschland, wird es aber nicht gehen.

Wird es in Zukunft noch zuverlässige Berichte aus Afghanistan geben können? Sicherlich wird es in den kommenden Wochen und Monaten deutlich weniger Berichterstattende im Land geben. Dennoch werden große internationale Medien auch künftig mit Stringern arbeiten, arbeiten müssen, wohl wissend, dass diese sich täglich großer Gefahr aussetzen. So schwierig es ist, könnten Medien auch aus dem Exil arbeiten, auch aus Deutschland. Besonders besorgniserregend ist jedoch, dass es nun für die Menschen in Afghanistan deutlich schwieriger werden wird, sich unabhängig zu informieren.

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