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Paradies für Coronaleugner : Verschwörungsideologen zieht es nach Südamerika

Die verschleppten Mädchen Clara und Lara sind nach Monaten der Suche in Obhut der Polizei. Derartige Fälle häufen sich dort. Weshalb gerade in Paraguay?

Paradies für Coronaleugner : Verschwörungsideologen zieht es nach Südamerika

Reisende überqueren die Grenze von Argentinien nach Paraguey. Foto: Imago/Nathalia AguilarFoto: imago images/Agencia EFE

Das Drama um Clara und Lara ist nun vorbei, die beiden in Paraguay verschwundenen deutschen Mädchen (10 und 11) wurden nach monatelanger Suche der Staatsanwaltschaft übergeben. Das eine Mädchen von der Mutter, das andere von dem Vater.

Ohne die Zustimmung des jeweils anderen Elternteils hatte das Paar die beiden Kinder, die jeweils aus einer Ex–Beziehung stammen, nach Paraguay mitgenommen. Nun stellten sie sich den Behörden freiwillig. Der paraguayischen Polizei nach geht es den beiden gut, sie werden nun einer medizinischen Untersuchung unterzogen.

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Der Fall um Clara und Lara ist der prominenteste von allen. Über 2000 Deutsche sind offiziellen Angaben zufolge seit der Pandemie nach Paraguay ausgewandert. Sechs Minderjährigen erging es wie den Mädchen aus Essen: Sie wurden von einem Elternteil ohne Genehmigung einfach verschleppt – aus Angst vor „bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Corona-Diktatur Deutschland“.

So schrieben es jedenfalls die Mutter on Lara und der Vater von Clara in einem vom Spiegel veröffentlichten Abschiedsbrief. Doch warum zieht es die Coronaflüchtlinge gerade nach Paraguay?

Nichts deutet auf ein Paradies hin

Die Spuren führen nach Caazapá, eine Kleinstadt zwischen Rinderweiden und Sümpfen in einer der ärmsten Gegenden Paraguays. Nur wenige Straßen sind geteert, die Geschäfte verkaufen vor allem Geräte für den landwirtschaftlichen Bedarf.

Der Mittelstreifen der Hauptstraße wird von Palmen besäumt und steht bei Starkregen unter Wasser. Im Sommer wird es bis zu 36 Grad heiß und schwül. Nichts, was auf den ersten Blick attraktiv anmutet. Doch wer so denkt, hat die Rechnung ohne das Marketing gemacht.

Rund 16 Kilometer außerhalb hat sich ein österreichisches Aussteigerpaar 2016 ein „Grünes Paradies“ geschaffen. 16 Hektar einer ehemaligen Rinderfarm, aus der eine „autonome Gemeinschaft“ werden soll. Derzeit leben dort 250 Menschen; bis zu 20.000 sollen es einmal werden. Eingetragen ist das Ganze als Aktiengesellschaft namens Reljuv.

Deren Präsident, Juan Buker, ist ein grobschlächtiger Mann, der mit bewaffneten Bodyguards im Geländewagen unterwegs ist. Gründer des Projekts sind Erwin und Sylvia Annau, ehemalige Anhänger der Scientology-Sekte. Beide gelten als islamophobe Impfgegner und hatten zuvor schon vergeblich versucht, ähnliche Projekte in der Schweiz und den USA aufzuziehen – dort wurde Erwin wegen Betrugs verurteilt.

In Paraguay klappte es schließlich, und seit Corona boomt das Projekt. Das Ehepaar ist fleißig in sozialen Netzwerken unterwegs und preist das Immobilienprojekt mit suggestiven Videos als „mentale und spirituelle Oase weit entfernt von den europäischen Regelwerken“ an. Ermöglicht wird das Ganze durch eine sehr laxe Gesetzgebung in Paraguay und die Komplizenschaft von Politikern.

In professionell geschnittenen Videos kommen Anwohner von Paraíso Verde zu Wort und dürfen von ihren „schlimmen Erfahrungen mit der Staatsgewalt“ berichten, wie zum Beispiel Christian aus Hannover, Ex-Soldat und Sonderpädagoge. Andere flüchten angeblich vor dem sich ausbreitenden globalen Sozialismus, vor 5G oder Chemtrails. Dritte vor den Ausländern und der gestiegenen Kriminalität- in Paraguay ist die Mordrate allerdings 24 mal so hoch wie in Deutschland.

Und dann gibt es diejenigen, die nur Sonne und tropischen Lebensstil suchen. Und die Steuerflüchtlinge, die von den paraguayischen Niedrigsteuern profitieren wollen, die sogar der Weltwährungsfonds als zu gering anprangert.

Die Aussteiger sind unter sich

Zum Erfolg trägt außerdem bei, dass das Ganze ein schlüsselfertiges Auswandererprojekt ist. Wer hierher kommt, überlässt die Bürokratie der AG. Spanisch können die wenigsten, von Paraguay hat vorher kaum jemand etwas gehört — aber das ist unwichtig, denn in dem umzäunten und bewachten Paraíso Verde bleiben die deutschen Aussteiger weitgehend unter sich.

Es gibt einen Biergarten, einen Kindergarten und eine Schule, die weder dem paraguayischen noch dem deutschen Schulsystem angegliedert ist. Der Gesundheitsposten wird vom Naturheilkundler Uwe Crämer betreut, der gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sagt, in Deutschland gebe es keinen Platz für Ärzte außerhalb der Schulmedizin.

Ganz so paradiesisch ist es beim näheren Hinsehen jedoch nicht. Bei der paraguayischen Staatsanwaltschaft sind Klagen anhängig wegen Umweltzerstörung und Betrug. „Ein Ausländer sagt, er wurde um 200.000 US-Dollar geprellt“, so der Bürgermeister von Caazapá, Amado Díaz Verón.

Viele verließen nach anfänglicher Begeisterung die riesige, fast baumlose Baustelle und gingen lieber in die Stadt. Manche, weil ihnen die strikten, vom Gründerehepaar auferlegten Regeln zuwider waren. Andere bemängelten die miserable Infrastruktur, das wackelige Internet und die prekäre Strom- und Wasserversorgung.

Hohe Baupreise

Wer sein Terrain verkauft, braucht dazu die Einwilligung der Annaus. „Die Eigentumsstrukturen sind undurchsichtig. Die Baupreise liegen vier bis fünfmal über dem Durchschnitt“, kritisiert Paul Saladin, der die Permakultur anlegen sollte. Doch als er merkte, dass die Bewässerungskanäle ein nahegelegenes Naturschutzgebiet in Mitleidenschaft zogen, verließe er die Kolonie.

Paraíso Verde ist kein Einzelfall. Paraguay hat eine lange Tradition als Projektionsfläche utopischer Weltvorstellungen, von den indigenen Modellsiedlungen der Jesuiten über Kolonien der Mennoniten und Projekten der Moon-Sekte bis hin zur antisemitischen Neugermanischen Siedlung, die dort 1886 von Elizabeth Nietzsche gegründet wurde, der Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche.

Für Faschisten war Paraguay damals sehr attraktiv. 1928 wurde unweit von Paraíso Verde die erste nationalsozialistische Partei außerhalb Deutschlands gegründet. Auch der deutschstämmige Diktator Alfredo Strössner von der Colorado-Partei sympathisierte mit dem Nazismus. Zu den berühmtesten Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Unterschlupf in Paraguay fanden, gehörten der Naziarzt Josef Mengele und der Nazipilot Hans-Ulrich Rudel, Berater Strössners und gleichzeitig einer der wichtigsten Waffenschieber des südamerikanischen Landes.

Nazis hinterließen Spuren

Die Rechtsextremen hinterließen bleibende Spuren. Santi Carneri, Korrespondent der spanischen Zeitung „El País“ entdeckte beispielsweise bei einem Ortsbesuch in Mbocayaty Anfang 2022 ein Hakenkreuz am Eingang einer Finca. Der Faschismus und Nationalsozialismus seien der intellektuelle Kompass, der von der Strössner-Diktatur bis zu den heutigen Impfgegnern reiche, schreibt er.

Was damals wie heute funktioniert, sind die politischen Netzwerke. Die Gründer von Paraíso Verde hätten beste Beziehungen zum Expräsidenten Horacio Cartes, sagte die ehemalige Gemeinderatsvorsitzende von Caazapá Gladys Rojas. Cartes ist einer der reichsten Unternehmer Paraguays, gehört der Coloradopartei an und gilt als Zigaretten- und Drogenschmuggler.

Zwei Angehörige von Cartes säßen im Aufsichtsrat von Reljuv, und bei den letzten Gemeinderatswahlen habe Buker Wahlkampf für Cartes Kandidaten gemacht, erzählt Rojas. Doch weil Reljuv größter Arbeitgeber in Caazapá sei, traue sich niemand, etwas gegen sie zu sagen.

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