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Porträt der Rapperin und Sängerin Finna : Wenn der Mut ausbricht

Die queerfeministische Hamburger Rapperin Finna hat mit „Zartcore“ ein feines Debütalbum herausgebracht, in dem es ums Ängste, Sex und Freiheit geht.

Porträt der Rapperin und Sängerin Finna : Wenn der Mut ausbricht

Sängerin und Rapperin Finna aus Hamburg.Foto: Katja Ruge

Mütter sind ein wichtiges Thema im Hip- Hop. Sie werden immer wieder gepriesen und mit Dank bedacht, aber auch verflucht und verbal misshandelt. Was es allerdings kaum einmal gibt, sind Rapsongs aus der Sicht von Müttern.

Diesen Mangel hat die Hamburger Rapperin und Sängerin Finna 2014 erkannt, als sie mit ihrer Tochter in der Stillphase war. Spaß und die Selbstbestimmung blieben plötzlich auf der Strecke, darüber wollte sie etwas sagen. „Ich liebe mein Kind abgöttisch, aber dieses ganze Drumherum und die Rolle, in die man als Mutter gepresst wird, fand ich nicht gut“, erzählt sie im Videogespräch.

Als Kind singt in Musicals und Schülerbands

Also begann sie mit den Skizzen zu dem Song „Mudda“, der jetzt auf ihrem Debütalbum „Zartcore“ zu hören ist. Begleitet von melancholischen Klavierakkorden sprechsingt sie: „Zieh mich sexy an auch hinterm Kinderwagen/ Warum sollte ich jetzt nur noch Birkenstock tragen?/ Ich seh das nicht ein, nur weil ich Mutter bin/ Bin ich trotzdem wer ich bin, nur jetzt halt mit Kind“.

Der Refrain kombiniert einen Reggaeton-Vibe mit einem Four-to-the-Floor-Beat, über den Finna aufsteigend-euphorisch „Als Mudda, Mudda, Mudda – in unsere Welt“ singt. Es ist eine Mutmach-Hymne für Mütter, die sich vor ihren Kindern nicht verstellen wollen, ihnen ihre Freiheit lassen und sich schon mal mit ihnen im Schlamm schlapplachen.

Gefällt Finnas heute neunjähriger Tochter der Song? „Am Anfang fand sie ihn total peinlich und ätzend“, erzählt die Rapperin, die in Hamburg vor einem Café sitzt. „Doch dann war sie mal dabei, als ich ihn live gespielt habe und seitdem feiert sie den total ab, tanzt in der ersten Reihe und ist stolz, dass er von ihr handelt.“

[„Zartcore“ erscheint bei Audiolith. Konzert: Badehaus Berlin, 11. November]

Als die heute 31-jährige Finna selbst noch ein Kind ist, spielt Musik bereits eine wichtige Rolle. Eine ihrer frühesten Erinnerungen ist, wie sie Zuhause im Wohnzimmer „I Will Always Love You“ von Whitney Houston mitgrölt. In der Schule in Ahrensburg – ein Städtchen nordöstlich von Hamburg – erkennt eine Musiklehrerin Finnas Gesangstalent und gibt ihr einen Solopart in einem Musical namens „Katzen in der Nacht“ gibt. Finna singt kurz eine Zeile aus Frank Sinatras auf Katzen umgedichtetem „My Way“ in die Kamera. Klingt toll – und beschert ihr damals mit elf Jahren den ersten musikalischen Durchbruch. Bald ist sie als Sängerin von Schülerbands gefragt.

Der zweite Durchbruch kommt 2015: Inzwischen von Hip-Hop begeistert nimmt Finna zusammen mit einer Freundin ein Video zu ihrem Rapsong „Musik ist Politik“ auf, gewinnt damit den Hamburger Musikpreis „Krach und Getöse“ und erlebt einen kleinen Hype. Majorlabel-Produzenten melden sich, sie spielt als Support der Antilopen Gang, steht mit dem Berliner Duo Sxtn auf der Bühne. Doch all das tut ihr nicht gut, es geht zu schnell für die Rapperin, die schon früher mit psychischen Problemen zu kämpfen hat.

Während eines Festivalauftritt im Sommer 2016 kommt es zu einem einschneidenden Erlebnis: „Ich habe gemerkt, wie meine Seele einen Schlag gekriegt hat. Da passierte etwas, das ich nicht einordnen kann.“ Der Tag endet damit, dass sie von der Polizei in eine geschlossene Psychiatrie-Abteilung gebracht wird. Einige Monate bleibt sie dort, eine schizoaffektive Störung wird diagnostiziert, eine lange Therapie- und Rehazeit folgt.

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Ganz vorsichtig dann vor zwei Jahren das Comeback mit der Single „Overscheiß“. Sie habe ein sehr mulmiges Gefühl dabei gehabt, sagt Finna. Die Angst, dass es wieder losgeht, sei groß gewesen. Doch diesmal hatte sie ein Netzwerk von Unterstützer*innen um sich herum, auch ihr Label Audiolith signalisierte, dass ihr Wohlergehen das Wichtigste sei.

Es lief gut. Finna macht sogar kurz vor dem ersten Lockdown noch eine Tour mit der Single – ein kraftvoller Trapsong, mit dem sie gegen Schönheitsnormen anrappt und Köpervielfalt feiert: „Wir sind fat and proud/ Denn – ey ich konter schon/ Und shoute es jetzt raus: Mein Body meine Regeln/ Kein Foto für Heidi Klum“.

„Overscheiß“ gehört zu den 13 Songs auf dem Album, das auch sonst als queerfeministisches Empowerment-Paket funktioniert. So besingt Finna in „Slutpride“ zusammen mit ihrer Partnerin Saskia Lavaux von der Band Schrottgrenze den Stolz der Schlampen, tritt selbstbewusst für ein polyamoröses und pansexuelles Leben ein. Lavaux half auch beim Aufnehmen der Lieder, Spoke hat gemischt, mitproduziert und Finna ermutigt, die eigenen Beats zu verwenden – weshalb der Eröffnungtrack „D.I.Y.“ auch vom Selbermachen handelt.

Finna hat es gut gemacht. „Zartcore“ versammelt eine feine Song-Mischung, die sich angenehm abheben vom zeitgenössischen Macker-Deutsch-Rap und die Tradition einer Sookee weiterführt. Finna bewundert die Kollegin, von der sie ab der ersten Single gefördert wurde. Heute sind die beiden befreundet.

Auch die Rapperinnen Babsi Tollwut und Lena Stoehrfaktor gehören zum Freund*innenkreis der Hamburgerin, die mit großer Herzlichkeit von ihnen spricht. „Man liebt sich einfach“, sagt sie und strahlt unter ihrer Kappe hervor. Auch sonst wirkt Finna im Gespräch locker, freundlich und gut gelaunt. Sie macht gerade Mittagspause und dreht sich zwischendurch mal eine Zigarette.

Zu den zentralen Themen ihres Albums gehören Verletzlichkeit, Angst und Weichheit. „Staying Soft“ spricht das schon im Titel an, genau wie „VDAZ“, das für „Verlier die Angst zu verlieren steht“ steht. Im dazugehörigen Video sitzt Finna vor einem schwarzen Hintergrund und legt nach und nach Kleidungsstücke und Schmuck ab, wischt sich die Schminke aus dem Gesicht.

„Ich hab mich vermutlich selten so nackt gemacht, wie in diesem Song“, schreibt sie unter dem Clip. Das R’n’B-Stück mit den elastischen Synthies ist ein berührendes Highlight der Platte – Finna nennt es einen „Mutaubruch“.

Auf die Frage, wie sie es geschafft hat, die Angst zu verlieren, sagt sie lachend: „Hab’ ich nicht. Ich habe immer noch wahnsinnig viel Angst, zu scheitern, Blödsinn zu labern oder Menschen zu verletzen. Aber ich wünsche es mir so sehr, diese Angst zu verlieren, dass ich mir das selber zusingen möchte.“

Ein Mantra, das auch die Zuhörer*innen nutzen können, um gegen eigene Ängste anzusingen. Man kann nur gewinnen, genau wie der deutsche Hip-Hop mit Finna eine positive Energiequelle hinzugewonnen hat. Im Titelstück des Albums formuliert sie ihre Mission: „Mache den Rap wieder soft und zart“. Das kann er wahrlich gebrauchen.

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