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Schienenkonzern nach der Übernahme von Bombardier : Alarm bei Alstom

Politik und IG Metall versuchen den Abbau von Arbeitsplätzen in Görlitz und Hennigsdorf zu verhindern. Die Ex-Bombardierwerke sind nicht ausgelastet.

Schienenkonzern nach der Übernahme von Bombardier : Alarm bei Alstom

Aufgeheizte Stimmung. Auf dem Werksgelände von Alstom in Görlitz demonstrieren Mitarbeiter gegen den Abbau von Arbeitsplätzen. Der…Foto: dpa

Wenn Arbeitsplätze abgebaut werden und Fabriken zur Disposition stehen, bedienen sich Unternehmen gerne der Sprache von Beratern. Alstom macht da keine Ausnahme. Der französische Hersteller von Schienenfahrzeugen „startet derzeit einen kompakten Transformationsplan, um die operative Effizienz und Produktivität im Einklang mit den lokalen Kapazitäten zu erhöhen“. Das klingt gut, ist aber schlecht für die Belegschaft. 900 bis 1300 Stellen stehen auf der Streichliste, mit der eine „Anpassung der Positionen in der Fertigung erfolgen“ soll. Betroffen sind die Standorte Hennigsdorf, Bautzen, Görlitz, Salzgitter, Mannheim und Siegen. Immerhin: Für Berlin, Mannheim und Braunschweig kündigt Alstom 700 neue Stellen in den Bereichen Digitalisierung, Engineering, Software und Services an. Also alles nicht zu schlimm, lautet die Botschaft.

«Treffen und Telefonate auf allen Ebenen»

Vor einer Woche informierte Müslüm Yakisan, Chef der Alstom-Region DACH (für Deutschland, Österreich und die Schweiz), Arbeitnehmervertreter und Politiker über die Pläne. Seitdem ist viel los. Es gibt „Treffen und Telefonate auf allen Ebenen“, heißt es im sächsischen Wirtschaftsministerium. Minister Martin Dulig (SPD) war mit Staatssekretär Michael Kellner (Grüne), der sich im „neuen“ Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck um Industrie und Transformation kümmert, im Görlitzer Waggonbauwerk. Die erste Dienstreise des aus Gera stammenden Kellner ging also nach Ostsachsen. Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) stimmte sich mit Dulig und Kellner ab, alle telefonierten mit Yakisan, manche mehrmals.

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Kann die Ampel Industriepolitik? 

Alarmstimmung auch in der IG Metall, die auf ein Paradoxon hinweist: In der anstehenden Mobilitätswende wird der Schienenverkehr ausgebaut und gleichzeitig Produktionskapazität in der Schienenindustrie abgebaut. Das soll nun gemeinsam mit der Politik verhindert werden. Und damit steht die Ampelregierung vor einer ersten industriepolitischen Herausforderung. „Die Koalition will den Schienenverkehr stärken und setzt sich auch dafür ein, dass die Wertschöpfung hierbleibt“, sagt Kellner. Aber wie?

Schienenkonzern nach der Übernahme von Bombardier : Alarm bei Alstom

Müslüm Yakisan ist Alstom-Chef im deutschsprachigen Raum. Zuvor arbeitete er ein paar Jahrzehnte für Siemens.

Alstom zahlt fünf Milliarden für Bombardier

Die Übernahme der kanadischen Bombardier Transportation (BT) durch Alstom für gut fünf Milliarden Euro war vor knapp einem Jahr abgeschlossen worden. Mit einem Umsatz von 15 Milliarden Euro, 75 000 Mitarbeitern und einem Auftragsvolumen von mehr als 70 Milliarden Euro stieg Alstom zum größten Bahnhersteller nach der chinesischen CRRC auf. Siemens Mobility steht auf Platz drei. In Deutschland unterhält der neue Branchenriese zehn Standorte, darunter ein Alstom-Werk in Salzgitter und die frühere Bombardier-Fabrik im brandenburgischen Hennigsdorf mit rund 2200 Beschäftigten.

Bombardier kaum wettbewerbsfähig

„Es ist ein Meilenstein, wenn zwei so große Unternehmen zusammenkommen“, freute sich Müslüm Yakisan im Februar über die Fusion. Vermutlich fehlten ihm damals noch Detailkenntnisse zu den einzelnen Standorten: Auslastung und Produktivität, Qualität und Motivation der Belegschaft sind nicht auf Wettbewerbsniveau. Managementfehler und eine Restrukturierung nach der anderen haben Bombardier ebenso geschwächt wie die ausgebliebenen Investitionen. Alstom/Bombardier ist immer weiter zurückgefallen hinter Siemens und Stadler, deren Fabriken voll ausgelastet sind. So wie zum Beispiel auch das Stadler-Werk in Berlin-Pankow.

Standort Görlitz ist 170 Jahre alt

An den ehemaligen Bombardier-Standorten hierzulande arbeiten noch 6000 Personen. Hennigsdorf ist das Entwicklungszentrum und spezialisiert auf den Bau von Prototypen und Testfahrzeugen; Kassel fungiert als Produktionsleitwerk für Loks, die in Mannheim entwickelt werden. In Braunschweig ist die Signal- und Steuerungstechnik ansässig, in Siegen werden Drehgestelle gebaut. Görlitz, ein Standort mit 170-jähriger Tradition, hat sich auf den Rohbau von Wagenkästen spezialisiert, und das hochmoderne Werk in Bautzen auf den Innenausbau.

Schienenkonzern nach der Übernahme von Bombardier : Alarm bei Alstom

Michael Kellner war Bundesgeschäftsführer der Grünen und ist seit gut einer Woche Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.Foto: Ottmar Winter PNN

Bombardier hatte 2000 Adtranz übernommen, einen Konzern, der in den 1990er Jahren durch die Zusammenlegung der Schienensparten von Daimler und ABB entstanden war. Am Gängelband der kanadischen Mutter wurde Bombardier Transportation (BT) zunehmend schlecht gemanagt und fiel mit Qualitätsmängeln und Lieferproblemen auf. BT quälte sich von einer Umstrukturierung zur nächsten inklusive dem Abbau Tausender Arbeitsplätze. Noch kurz vor der Übernahme durch Alstom forderten die Konzernbosse in Montreal vom deutschen Management 2020 Einsparungen beim Personal von 125 Millionen  Euro. An diese Plänen knüpft der französische Konzern jetzt an.

Drei Jahre für den Stellenabbau

„Bombardier Transportation hatte eine vergleichbare Transformation vor der Übernahme geplant“, teilte Alstom mit. Das Vorhaben sei mit den Arbeitnehmervertretern schon abgestimmt gewesen, doch durch den Zusammenschluss mit Alstom sei die Umsetzung „vorerst ausgesetzt“ worden. Dabei habe sich an der „problematischen Ausgangslage nicht viel geändert: an einigen Standorten ist die Auslastung auf absehbare Zeit zu gering, um in jetziger Form weitergeführt zu werden“. Deshalb sollen in den kommenden drei Jahren bis zu 1300 der 9400 Arbeitsplätze von Alstom/Bombardier in Deutschland wegfallen.

Die Standorte im Osten sind besonders betroffen. Auf der Streichliste stehen Hennigsdorf mit 350 bis 450 Arbeitsplätzen, Görlitz (300 bis 400), Bautzen (100 bis 150) sowie das Berliner Headquarter am Potsdamer Platz (50 bis 100). Das alles wird nicht übers Knie gebrochen, sondern soll bis 2024 sozialverträglich geschehen. Allerdings gibt es die Sorge, dass der umgängliche und lösungsorientierte Yakisan nicht genügend Zeit bekommt von der Konzernführung in Paris.

Yakisan kommt von Siemens

Der 53-jährige Yakisan ist seit mehr als drei Jahrzehnten in der Branche tätig, fast immer im Schienenfahrzeugbereich von Siemens. 2019 hatte die EU-Kommission die Fusion von Siemens und Alstom untersagt, worauf die Franzosen den Krisenkonzern Bombardier in den Blick nahmen und schließlich kauften. 2020 wechselte Yakisan von Siemens Mobility zu Alstom, um sich der Integration der Bombardier-Produkte und -Standorte anzunehmen. Ein harter Job, wie auch Arbeitnehmervertreter einräumen.

„Wir haben aus heutiger Sicht keine Pläne, Standorte zu schließen, sondern wir sehen das Potenzial: Das Produktportfolio von Bombardier erweitert das Alstom-Portfolio“, hatte Yakisan im Februar im Gespräch mit dem Tagesspiegel gesagt. Wenn jedoch nun die Pläne für Hennigsdorf und Görlitz umgesetzt werden, hat die industrielle Fertigung dort keine Perspektive. Die gibt es nur mit Hilfe der Politik, glaubt Yakisan.

Staatssekretär Kellner hat Ambitionen

Warum nicht Produktionsvolumen zwischen den drei großen Playern verteilen und Aufträge von Siemens und Stadler an schlecht ausgelastete Bombardier-Standorte geben? Dazu den Staatskonzern Deutsche Bahn ins Boot holen, der ja die Verkehrswende wesentlich mitgestalten soll; und zwar bestenfalls mit Lokomotiven und Waggons und Signaltechnik aus deutscher Produktion.

Der grüne Wirtschaftsstaatsekretär Kellner will das auch. „Wir haben ein großes Interesse an einer starken Bahninfrastruktur in Deutschland, und dazu gehört auch der Schienenfahrzeugbau“, sagte Kellner dem Tagesspiegel. „Für die Verkehrswende brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Produktionskapazitäten.“ Und für ein industriepolitisches Engagement braucht Kellner die Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums, das für die Bahn zuständig ist — und von der FDP geführt wird.

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