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Serien, Serien, Serien : Abonnenten, wollt Ihr ewig streamen?

Immer mehr sind erschöpft vom Binge Watching in der Pandemie. Aber «Tatort» und Hertha BSC sind halt auch keine Alternativen.

Serien, Serien, Serien : Abonnenten, wollt Ihr ewig streamen?

Augenfutter. Die Netflix-Serie «Bridgerton» will mehr mit Kostümen als mit Menschen überzeugen.Foto: LIAM DANIEL/NETFLIX

Zum Ersten eines Monats unterzieht sich die Medienredaktion dieser Zeitung einer Aufgabe, die so notwendig wie gewünscht ist: Es werden die besten Serien vorgestellt, die die Streamingdienste an den Start bringen. Premieren vom Feinsten, so steht es auf dem Beipackzettel.

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Mich bringen diese Listen immer unter Druck. Kaum ist ein Monat zu Ende gegangen und damit die Sichtung der Novitäten abgeleistet, wird eine neue Hausaufgabe verordnet – ganz neue Produktionen, Sequels, Prequels, Spin Offs warten auf Beachtung. Die Regale von Netflix & Co. werden immer voller, zum bestehenden Sortiment drängt sich Neuware.
In Hochzeiten der Pandemie war dieses Entertainment wie eine Erlösung aus der Erstarrung. Der Abonnent, längst hatte er zwei, wenn nicht mehr Dienste geordert, hatte sich zu Hause verbunkert und in den Content-Pool gelegt. Ständiger Zufluss neuer Filme und Serien, bestens bewertet und vom selbst befeuerten Algorithmus wärmstens empfohlen, wurde die nicht mehr existente Welt draußen gegen die Welt der Fiktion daheim eingetauscht. Das Leben in der Streaming-Filterblase war warm und sicher, Binge Watching gelebte Realität.

Der Nutzer wird müde

Auf der Rückseite dieser Evolution wuchsen zugleich die Professionalität und die Müdigkeit des Nutzers. Der Eindruck kam auf, ich würde außer in Sensationen wie „Das Damengambit“ zunehmend in ein wohliges Wellness-Programm gezogen. „Emily in Paris“ brach unter seiner Postkarten-Emphase fast zusammen, „Bridgerton“, beides Netflix, wollte mit Kostümen statt mit Menschen überzeugen.
Sind Netflix und Amazon Prime und AppleTV+ in ihrem Erfolgs-Stream gefangen? Werden da noch narrative Explosionen geboten oder erlebt der Abonnent die Exploitation eines Erzählmusters? Werden nicht Serien zu Staffeln ausgebaut, deren Gehalt sechs und keine Folge mehr rechtfertigt?

Abo-Zahlen steigen weiter

Die Abo-Zahlen der Streaming-Companies weisen unverändert nach oben, also worüber wird her geklagt? Sagen wir es so: Es besteht die akute Gefahr, dass der Nutzer mindestens so in die Breite geht wie das Angebot. Nicht nur in der Körperfülle, sondern gleichzeitig in der intellektuellen Erwartung.
Früher, also vor der Pandemie, kniete ich vor dem Laptop, bis an den Rand mit Dankbarkeit gefüllt, dass hier die Bild-und-Ton-Revolution ausgebrochen ist. Unendliche Weiten der Phantasie, der Roman goes TV, schon die Intros sind zur eigenen Kunstform hochgewachsen.

Empfehlungen weiter willkommen

Jetzt, Monate und eine Pandemie weiter, ist mit dem Beamer (!) Skepsis aufgekommen. Empfehlungen gerne weiter willkommen, zugleich mit dem Hintergedanken etikettiert, dass der Daumen immer schneller auf die Aus-Taste springt.
Ist der, der so denkt und handelt und schreibt, nicht ein Agent des linearen Systems, ein Ghostwriter im Auftrag von ARD und ZDF? Weg mit „Haus des Geldes“ und her mit dem „Tatort“? Die Krimi-Gewohnheit am Sonntagabend kommt nur – und jetzt hängt das Bild bestimmt schief – für Fans von Hertha BSC in Frage. Dieser Verein träumt jedes Wochenende vom „Big City Club“ und muss sich dann einen weiteren Misserfolg schönreden. Das klappt, der nächste Spieltag kommt bestimmt. So ist es auch mit dem „Tatort“-Gewohnheitstier. Die bevorstehende Premiere bietet todsicher exzellent aufregende Krimikost. „Wer zögert, ist tot“ bot sie nicht.

Netflix kann man kündigen

Den Rundfunkbeitrag kann ich nicht kündigen, Netflix schon. Was jetzt? Vielleicht Fan von Hertha BSC werden und ins Olympiastadion gehen? Es gibt Pandemie-Folgen, die sind längst nicht bekannt und bekämpft. Und schon scrollt der zahlende Abonnent durchs Angebot.

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