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Slowenische Schriftstellerin ausgezeichnet : Ana Marwan gewinnt Ingeborg-Bachmannpreis

„Heute war ich umsonst“: Die slowenische Schriftstellerin Ana Marwan gewinnt mit ihrem Text „Wechselkröte“ den Ingeborg-Bachmannwettbewerb.

Slowenische Schriftstellerin ausgezeichnet : Ana Marwan gewinnt Ingeborg-Bachmannpreis

Die Bachmannpreis-Siegerin 2022: Die slowenische Schriftstellerin Ana Marwan, 42.Foto: dpa

Es war Samstagmittag in Klagenfurt, und im Gärtlein des ORF-Studios dürften so einige schon mit ihren Gedanken auf dem Fahrrad in Richtung Wörthersee gesessen haben, als die beiden letzten Autoren des Wettbewerbs für ein echtes Bachmannpreis-Hoch sorgten, nach viel Mittelmaß, Okayness und manchem Blues.

Zuerst entfachte der 1989 geborene Hannoveraner Schriftsteller Juan S. Guse auch hörbar für Begeisterung mit seinem Text „Im Falle des Druckabfalls“. Darin geht es um eine seltsame Expeditionsgruppe im Taunus auf der Suche nach den letzten, unentdeckten Menschen, die sich vor der Zivilisation verstecken: „Wie lange sind sie schon da? Seit wann beobachten sie uns? Haben sie die Ankunft der Römer erlebt, die Expeditionen der Merowinger? (…) Und was bedeutet ihnen ein Airbus A 380 im Landeanflug?».

Auf ihrer Suche entdeckt Guses Expedition den originalen Nachbau des Frankfurter Flughafens, geht selbst an Bord eines Mini-Fliegers und stellt fest: Beobachtet, gesucht und zum Versuchsobjekt gemacht wird womöglich sie selbst, mündend in der Empfindung einer ihrer Protagonistinnen, dem letzten Satz dieser Erzählung: „Noch nie hatte sie eine solche Angst vor einer Stange Toblerone.“

Juan S. Guse erhielt den dritten Preis, Alexandru Bulucz den zweiten

Guses Text ist originell, doppelbödig, absurd, auch stilistisch souverän, agiert seine wiederum nicht so bemerkenswerten sprachlichen Mittel geschickt aus, kurzum: ein großer Spaß.

Aber auch der nach ihm noch folgende Elias Hirschl, 1994 in Wien geboren, konnte mit „Staublunge“ überzeugen, einer gleichermaßen satirischen wie tragischen Erzählung über die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Essens- und Lebensmittelausfahrer, die den Aufstand proben, sie arbeiten hier nicht bei Gorillas, sondern Rabbiz; dann das Start-up „Some Day Crew“ und sein Gründer, der den beziehungsreichen Namen Jonas trägt, sowie eine Journalistin, die ihn porträtiert. Drogen und Sprachspielereien, Tempo und Verzweiflung – es steckt viel drin in Hirschls Erzählung.

Und wie ruft es Jonas nach dem Tod seiner Mutter aus, fast genau so gut wie Guses letzter Satz: „Hätte ich doch nur damals schon versucht, die Lieferzeit meines Unternehmens auf nur fünf Minuten zu reduzieren! Hätte ich doch damals schon etwas von algorithmischer Prozessoptimierung gewusst!“

So war es konsequent, dass Guse und Hirschl mit Preisen bedacht wurden; Guse erhielt den Preis eines österreichischen Stromkonzerns, dotiert mit 7500 Euro, der dritte Platz. Und Hirschl überraschenderweise keinen der Jury, sondern den Publikumspreis. Stattdessen erhielt Leon Engler für seinen hintersinnig-lockeren Text über einen mäßig erfolgreichen Schauspieler bei einem Werbedreh den mit 5000 Euro dotierten 3-Sat-Preis. Eine akzeptable Wahl.

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Die Preise wurden dieses Jahr nicht in Form einer öffentlichen Jury-Abstimmung vergeben, sondern die Jury hatte vorab Punkte verteilt. So unterhaltsam das alte Abstimmungsverfahren war, so tückenreich und ungerecht erwies es sich zuweilen. Solidarität gegenüber den jeweils zwei Texten, die sie ausgewählt hatten, konnte die einzelnen Jurymitglieder nun nicht mehr bekunden – Punkte durften sie nur für die anderen Texte geben.

Noch eine andere wesentliche Neuerung hatte es bei diesen 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur gegeben: die räumliche Zweiteilung von Lesung und Diskussion, von Autoren und Autorinnen und der Jury. Draußen im Garten die Lesungen, auf einer Bühne mit Perserteppichimitat und wackeligen Bücherregalen. Mäßig originell, aber immerhin: eine Extra-Bühne für die Literatur.

Und drinnen diskutierte die Jury. Was der Kommunikation zwischen Jury und Autor/Autorin keinen Abbruch tat, wie Mara Genschel und Elias Hirschl bewiesen. Der Bachmannwettbewerb ist sowieso ein multi- medialer, digital interaktiver. Mit dabei ist man in dem kleinen ORF-Studio genauso wie vor dem Fernseher eines Klagenfurter Hotelzimmers oder vor einem Laptop in Berlin oder am Wörthersee.

All die Neuerungen und das schöne Urlaubswetter in Kärnten konnten jedoch auch dieses Jahr nicht von der Grundproblematik des Wettbewerbs ablenken: Dass die Texte, die hier gelesen, vorgestellt, performt werden, so viel mediale und literaturkritische Aufmerksamkeit oftmals kaum verdienen.

Der Wettbewerb ist größer, wichtiger, ruhmreicher als die jeweils neuesten Jahrgänge. Das ist sein Kapital, das schützt ihn vor Einstellung. Und dass die Literatur per se eine solcherart dimensionierte, öffentlichkeitswirksame Bühne bekommt, mit tagelanger Liveübertragung, ist natürlich großartig.

Zeitformen, die «wie Zähne entfernt» werden

Doch so wie sich zahlreiche, inzwischen hochdekorierte Literaturprominente nennen lassen, die nach ihrem Auftritt in Klagenfurt keinen Blumenstrauß von ORF-Offiziellen und Lokalpolitikern entgegennehmen durften, so gibt es noch viel mehr Autorinnen und Autoren, darunter solche mit Bachmannpreis-Ehren, deren Karrieren bescheiden ausgefallen sind.

So befindet man sich Jahr für Jahr in einem Zwiespalt. Umso weiter man draußen ist, umso mehr man beispielsweise den jeweiligen Jahrgang vergleicht mit den Autorinnen und Autoren, von denen die Verlage im sich anschließenden Herbst Bücher veröffentlichen, desto kleiner wird der mit 25 000 Euro hoch dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis.

Umso mehr man sich jedoch darauf einlässt und in die Klagenfurter Parallelwelt abtaucht, ob vor Ort oder Tag für Tag vor dem Bildschirm, desto relevanter wird das Ganze, desto mehr mag man sich ereifern: beispielsweise über den formal interessanten, aber voller Klischees steckenden Großmutter-stirbt-Text von Eva Sichelschmidt mit verunglückten Sätzen wie: „Früher, damals, so war das immer gewesen… Die Zeitformen wurden jetzt wie Zähne entfernt. Ohne Betäubung, mit blutiger Wurzel.“ Oder über die ebenso klischeereiche, vom Stoff her aber so ungewöhnliche Knast-und Gangstererzählung von Behzad Karim-Khan.

Oder über das sehr schlichte und von der Jury fast durchweg gefeierte Wirtschaftsmagnaten-Porträt von Clemens Bruno Gatzmaga.

Bulucz Text war herausragend

Aber auch über die Jury. Wobei von Ereifern bei ihr kaum die Rede sein kann: Es passt inzwischen gut mit den Antipoden Vea Kaiser/Philipp Tingler hier, Klaus Kastberger/Insa Wilke dort, und dazwischen die unantastbare, schön analysierende Mara Delius, die unaufgeregte, anders als Kastberger oder Tingler nie zur Selbstdarstellung neigende Brigitte Schwens-Harrant und der solide Michael Wiederstein.

Hier hat sich ein literaturkritisches Team gefunden, trotz aller oder gerade wegen der vielen, mal gespielten, mal tatsächlichen Animositäten; ein Team, das alle Facetten der Kritik repräsentiert, bis hin zu den interpretatorischen aberrierenden Verästelungen der Juryvorsitzenden. Insa Wilke vermochte in dem Guse-Text gar noch die aktuellen gesellschaftspolitischen Veränderungen in Chile wiedergespiegelt sehen, was für ein politischer Text! – nur weil ein chilenischer Geologe darin vorkommt, der an der Rettung der Bergleute beim Grubenunglück 2010 in San José beteiligt war.

Und dann hatte da schon am Donnerstag der 1987 im westrumänischen Alba Iulia geborene Lyriker Alexandru Bulucz einen sprachlich sehr präzisen, ungemein poetologischen, wunderbar mäandernden Text gelesen. Um den Verlust von Heimat geht es darin, von Zeit und Kindheit, und dabei unterläuft Bulucz geschickt Erwartungen, erschöpft sich nicht in Erinnerungen.

Bulucz’ Text lässt sich nicht leicht entschlüsseln, behält seine Geheimnisse, ist durchweg ein ästhetisches Vergnügen. Sein Text war der beste dieses Jahrgangs. Er wurde zu Unrecht nur mit dem zweiten, den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet.

Den Bachmannpreis gewann die 1980 im slowenischen Murska Sobota geborene Ana Marwan. Ihren Text „Wechselkröte“ erzählt eine Frau, die allein ist, die, wie sich herausstellt, ein Kind erwartet, von wem auch immer, und deren Sozialkontakte sich auf den Postboten, den Gärtner und den „Poolmann“ reduzieren. Abends im Spiegel schaut sie sich an und sagt zu sich: „Heute war ich umsonst“. Ihre engste Gesellschaft sind Kröten und Mücken, denen ein Großteil ihrer Aufmerksamkeit gilt.

„Wechselkröte“ ist durchaus eigensinnig, sprachlich ohne Fehl, aber alles andere als atemberaubend, ein unspektakulärer, bisweilen langweiliger Ich–Text, der in den vergangenen Jahrzehnten schon häufig in Klagenfurt zu hören war. Mit Marwan als Siegerin ist man beim Ingeborg-Bachmann-Preis wieder ganz bei sich selbst angelangt. Soll doch in der Literatur und überall in der Welt passieren, was will.

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