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ZDF-Schwerpunkt zum Mauerbau : „Ein Tag im August“ aus vier Perspektiven

„Ein Tag im August – Mauerbau ’61“: Das ZDF-Dokudrama stellt dar, wie vier Menschen den Tag der Teilung erlebten.

ZDF-Schwerpunkt zum Mauerbau : „Ein Tag im August“ aus vier Perspektiven

Abschied über den Grenzzaun hinweg. Die junge Ost-Berlinerin Ingrid Taegner (Sandija Dovgane) war noch einen Tag zuvor im Westteil…Foto: ZDF und Andrejs Strokins

Auch für den Genossen Hans Modrow wurde der Tag des Mauerbaus zum Wendepunkt: Am Vorabend wurde der junge Ökonom und Volkskammer-Abgeordnete ins Präsidium der Volkspolizei in der Ost-Berliner Keibelstraße beordert. Ob die Herrenrunde da am 12. August 1961 derart ahnungslos auf den 0-Uhr-Befehl wartete, wie die Darstellung im ZDF-Dokudrama „Ein Tag im August – Mauerbau ’61“ nahelegt, darf man bezweifeln.

Aber in dieser Nacht wurde der damals 33-jährige Modrow zum Kreissekretär der SED für den Bezirk Prenzlauer Berg berufen, der die Kampfgruppen für die Abriegelung der sowjetischen Sektorengrenze mobilisieren sollte. „Für mich war klar: Du hast einen Auftrag und den erfüllst du“, sagt der heute 93-Jährige in dem Film von Florian Huber und Sigrun Laste. Damit begann ein politischer Aufstieg, der Modrow 1989 bis ins Amt des DDR-Regierungschefs führen sollte – wieder befördert durch die Mauer, allerdings durch ihren Fall.

Aber Modrows spätere Karriere und seine Rolle während der friedlichen Revolution, das ist eine andere Geschichte. Huber und Laste beschränken sich kurz vor dem 60. Jahrestag des Mauerbaus weitgehend auf die Ereignisse am 12. und 13. August 1961 sowie auf die ersten Tage, nachdem die deutsch-deutsche Teilung endgültig besiegelt worden war – dramaturgisch zugespitzt in einer Art Countdown, mit einigen schönen Archivbildern zum Berliner Alltag gespickt und zugleich aus mehreren Perspektiven erzählt.

Neben Polit-Funktionär Modrow zählen noch zwei weitere Männer und eine Frau zu den Zeitzeugen des Films, deren Erinnerungen auch in Spielszenen „gegossen“ werden. Solches „Reenactment“ hat man zwar schon weniger ambitioniert gesehen, dennoch wirken die in Lettland gedrehten Dialogszenen aufgrund der Synchronisation irritierend.

[„Ein Tag im August – Mauerbau ’61“, ZDF, Dienstag, 20 Uhr 15]

Außerdem reflektieren Spielszenen nicht das Problem subjektiver Zeitzeugenaussagen, sondern verstärken es eher. Wie man etwa an der Darstellung der Erinnerungen Wolfgang Güttlers sieht, der 1961 als Angehöriger der Kampfgruppen im Einsatz war. Wenn Schauspieler Paul Iklavs mit beinahe schuldbewusster Miene an eine Haustür klopft, dann spiegelt das Güttlers’ heutige Aussagen. Aber ob es wirklich so zuging, als die Familien in der Bernauer Straße aus ihren Wohnungen geholt wurden, weil die Häuser direkt an der Grenze lagen?

Atmosphäre und Emotionen durch Spielszenen

Allerdings können scheinbar nebensächliche Spielszenen zweifellos auch Atmosphäre und Emotionen transportieren, die die persönlichen Schilderungen eindringlicher erscheinen lassen. Wie im Fall des aufmüpfigen Heranwachsenden Manfred Migdal. Der im Osten aufgewachsene Migdal, der sich erfrischend durch den Film berlinert, zieht im August 1961 mit seiner Clique gerne um die Häuser. Eigentlich lebt er nach seiner Flucht aus dem Jugendwerkhof Hummelshain bereits in West-Berlin, und weil er einen West-Ausweis besitzt, fühlt er sich beim Besuch seiner Mutter und seiner Freunde im Osten sicher – was ihm jedoch am Tag der Teilung zum Verhängnis wird.

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Die vierte Protagonistin ist die Ost-Berliner Lehrerin Ingrid Taegner, die am Vortag des Mauerbaus mit Mann und Baby Freunde im Westteil der Stadt besuchte – und das Angebot ablehnte, überzusiedeln, wie es so viele DDR-Bürgerinnen in jener Zeit taten.

Taegner steuert neben ihrer persönlichen Geschichte einige Fotodokumente bei, denn sie wohnte in der Harzer Straße, wo sie den Ausbau der Grenzanlage in den folgenden Tagen heimlich durch die Gardine ablichtete. Das „traurigste Foto“ (Taegner) zeigt ihren Vater, eine schemenhaft in der Ferne erkennbare Figur, die aus dem Westen herüberwinkt.

Unter den Zeitzeugen sind auch Alexander Kulpok, langjähriger Reporter und Moderator des SFB, sowie Manfred Roseneit, dessen Gesicht im August 1961 einige Berühmtheit erlangte, weil ihn ein Kameramann der westdeutschen Wochenschau direkt an der Grenze filmte. „Ich stand einfach erstarrt da“, sagt Roseneit heute zu dem ikonografischen Bild eines jungen Ost-Berliners hinter Stacheldraht. Rein technisch betrachtet zutreffend und dennoch zynisch klingt es da, wenn Modrow die Planung des Mauerbaus als „Meisterstück“ lobt. Jeder Tote sei einer zu viel, sagt er noch, und er wolle nicht von dem „Schutzwall“ sprechen, aber: „Ich bin überzeugt, auch heute, dass diese Grenze dazu beigetragen hat, dass wir im Kalten Krieg nicht in den heißen gerutscht sind.“ Diese These zu diskutieren, wäre lohnenswert gewesen, doch die politischen Hintergründe werden nur angerissen.

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